SCHWEIZER KUNST 26. JUNI 2026

62 Abb. 1: Die Gerüstbühne im Waffensaal des Landesmuseums mitden Fresken, März 1900, in: Martigny 1991, S. 230, 3038 FERDINAND HODLER (Bern 1853–1918 Genf) Rückzug bei Marignano. Um 1900. Aquarell über Tusche und Bleistift auf Papier. Unten links signiert: F. Hodler. 72,5 × 102 cm (Lichtmass). Provenienz: Bedeutende Schweizer Privatsammlung. So wie in der Schlacht von Marignano im Jahr 1515 reich- lich Blut vergossen wurde, sorgte Ferdinand Hodlers Neuinterpretation dieses Ereignisses beinahe vier Jahr- hunderte später auch für grosses öffentliches Aufsehen. Das Gemälde Der Rückzug von Marignano, eingereicht im Rahmen des nationalen Wettbewerbs zur Ausstattung des Schweizerischen Nationalmuseums gegen Ende des 19. Jahrhunderts, löste eine der bedeutendsten kunstpoliti- schen Kontroversen der modernen Schweiz aus. Der Rückzug von Marignano wurde über mehrere Jahre hinweg zum Ausgangspunkt einer intensiv geführten De- batte über die Darstellung nationaler Geschichte. Zwei unvereinbare Positionen standen sich gegenüber: auf der einen Seite das konservative Lager um Museumsdirektor Heinrich Angst, ein Verfechter einer akademisch gepräg- ten, erzählerischen Historienmalerei; auf der anderen Sei- te Künstler, Intellektuelle und Politiker, die Hodlers Ansatz unterstützten und darin eine konsequent zeitgenössische Bildsprache erkannten. Die Kontroverse entzündete sich vor allem an Hodlers radikalem Bruch mit den Konventionen der Historienma- lerei. Er verzichtet auf eine anekdotische Schilderung der Schlacht zugunsten einer verdichteten, symbolischen Dar- stellung. Die Figuren erscheinen nicht als individualisierte Helden, sondern als geschlossener, beinahe archaischer Zug, der mit ruhiger, unabwendbarer Bewegung voran- schreitet. Frontalität, klare Gliederung und die prägnante Körperauf- fassung verleihen der Komposition eine aussergewöhn- liche Präsenz. Mit dieser Reduktion löst sich Hodler be- wusst von tradierten Schlachtendarstellungen. Der Fokus verschiebt sich von heroischer Erzählung hin zu einer kon- zentrierten Darstellung kollektiver Erfahrung. Der Rückzug wird nicht als militärisches Ereignis, sondern als Bild von Erschöpfung, Verlust und historischer Zäsur erfahrbar. Gerade darin liegt die herausragende Bedeutung des Wer- kes: Hodler überführt ein nationales Thema in eine allge- meingültige, moderne Bildsprache und setzt damit einen entscheidenden Impuls für die Entwicklung der Schweizer Kunst um 1900. Die vorliegende Farbstudie für eine Lithografie gewinnt vor diesem Hintergrund besondere Relevanz. Sie erlaubt einen unmittelbaren Einblick in Hodlers künstlerischen Denk- und Arbeitsprozess und dokumentiert die Entwick- lung einer Komposition, die zu den zentralen Bildfindun- gen der Schweizer Moderne zählt. CHF 100 000/120 000 (€ 108 700/130 430)

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