SCHWEIZER KUNST 26. JUNI 2026

70 Das vorliegende Gemälde zählt zu den bedeutendsten alpinen Landschaftsbildern aus dem Spätwerk von Ferdi- nand Hodler. In den Jahren um 1911 sowie erneut 1914 wandte sich der Künstler wiederholt dem Motiv des Jung- fraumassiv zu und entwickelte es in mehreren Fassungen zu einer zunehmend konzentrierten und monumentalen Bildform. Bedeutende Vergleichswerke dieser Werkgrup- pe befinden sich heute im Kunsthaus Zürich, im Kunst- museum Bern sowie in nahe verwandten Fassungen im Musée d’art et d’histoire und im Kunstmuseum Solothurn (beide 1914) (vgl. Abb. 1 und 2). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts etablierte sich das Gebirge als eines der zentralen Motive der malerischen Moderne. Weit mehr als eine natürliche Kulisse wurde die Bergland- schaft zu einem autonomen Sujet. Die traditionelle panora- matische Landschaftsdarstellung wich zunehmend einer konzentrierten Bildauffassung, in der ein einzelnes Motiv den gesamten Bildraum bestimmt. Vor diesem Hinter- grund erscheint das vorliegende Werk von bemerkenswer- ter Modernität. Durch eine subtile Verschiebung des Standpunktes sowie eine bewusste Vereinfachung der visuellen Struktur er- reicht Ferdinand Hodler eine ausgeprägte monumentale Frontalität. Die Felsmassen fügen sich zu einem strengen Gleichgewicht, während jede anekdotische Beschreibung zugunsten einer klar gegliederten, auf Proportion, Ord- nung und Symmetrie beruhenden Bildstruktur zurücktritt zentrale Prinzipien der vom Künstler entwickelten Theorie des Parallelismus. Die Landschaft erscheint nicht länger als topographische Ansicht, sondern als bewusst gestaltete Bildordnung, in der Naturbeobachtung und künstlerische Konstruktion untrennbar ineinandergreifen. Gerade in den späten Ber- gbildern führt diese Haltung zu einer weitgehenden Loslö- sung vom Gegenständlichen zugunsten einer autonomen Bildwirklichkeit. Zur selben Zeit lassen sich andernorts in Europa vergleich- bare Entwicklungen beobachten. Während Hodler die alpi- ne Landschaft monumentalisiert und auf eine rhythmische Ordnung von Massen und Horizontalen reduziert, unter- nimmt Georges Braque eine ähnliche Dekonstruktion des Naturmotivs. Bei beiden Künstlern hört die Landschaft auf, eine rein visuelle Wiedergabe zu sein, und wird zu einer autonomen bildnerischen Konstruktion, welche die dau- erhaften Strukturen des Sichtbaren offenlegt. Obwohl ihre Ansätze in unterschiedlichen künstlerischen Kontexten entstehen, verbindet sie ein gemeinsames europäisches Bestreben, den unmittelbaren Eindruck zu überwinden und zu einer wesentlichen Wahrheit der Form vorzudrin- gen. Auch Werke von Paul Cézanne mögen in diesem Zusam- menhang in Erinnerung treten. Obgleich direkte Einflüsse kaum eindeutig nachweisbar sind, befindet sich Hodlers Spätwerk an einer historischen Schnittstelle: zwischen der Erfahrung einer langen künstlerischen Entwicklung und den Anfängen der avantgardistischen Bewegungen, die im Kubismus kulminieren sollten. Zwei Epochen be- gegnen sich hier — die reife Synthese eines grossen Ein- zelgängers und die aufbrechende Moderne. CHF 1 200 000/1 800 000 (€ 1 304 350/1 956 520) Abb. 1: Ferdinand Hodler. Das Jungfraumassiv von Mürren aus. 1914. © Kunsthaus Bern Abb. 2: Ferdinand Hodler. Das Jungfraumassiv von Mürren aus. © Kunstmuseum Bern Blick in die Ausstellung im Koller City Space. Los 3291. HANS (JEAN) ARP. Fruit d’étoile. 1964. Auktion Impressionismus & Moderne, 26. Juni 2026, 16.30 Uhr.

RkJQdWJsaXNoZXIy MTU2