SCHWEIZER KUNST 26. JUNI 2026
77 Cuno Amiets Im Garten von 1912 zählt zu den eindrucks- vollsten Werken seiner Brücke-Zeit und gehört zugleich zu jenen zentralen Gemälden, in denen sich seine reife, unverwechselbare Farbauffassung mit den Impulsen der internationalen Moderne vereint. Entstanden in einer Pha- se künstlerischer Souveränität, markiert das Werk einen Höhepunkt seines Schaffens und steht exemplarisch für jene Jahre, in denen Amiet zu internationalem Renommee gelangte. Dargestellt ist Anna Amiet-Luder im Garten auf der Oschwand. Die Szene wirkt auf den ersten Blick still und in- tim. Die in sich gekehrte Haltung der Figur und ihre Einbet- tung in die dichte Vegetation verleihen dem Bild einen bei- nahe privaten Charakter. Doch diese vermeintliche Ruhe wird durch die malerische Umsetzung aufgebrochen. Der Garten verwandelt sich in ein vibrierendes Gefüge aus Farbklängen und Fläche, in dem Natur nicht abgebildet, sondern neu geschaffen wird. Die Grundlagen hierfür wurden bereits früh gelegt. Während seines Aufenthalts in Pont-Aven Anfang der 1890er-Jahre fand Amiet zu einer neuen Auffassung von Malerei. Die Begegnung mit der französischen Avantgar- de, insbesondere mit dem Synthetismus, führte zu einer nachhaltigen Befreiung der Farbe von der reinen Naturbe- obachtung. Sie wurde zum eigenständigen Ausdrucksträ- ger, Fläche und Vereinfachung gewannen an Bedeutung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verdichteten sich diese Impulse zu einer eigenständigen Bildsprache. Als sich Amiet 1906 der Künstlergruppe „Brücke“ anschloss, be- fand er sich in einer Zeit der Neuorientierung und der be- wussten Loslösung von Ferdinand Hodler. Die „Brücke“ bedeutete für ihn keinen stilistischen Bruch, sondern viel- mehr eine Bestätigung und Verstärkung seiner eigenen künstlerischen Ziele. In diesem Umfeld entwickelte er eine gesteigerte, leuchtende Koloristik, die in engem Dialog mit der expressiven Malweise der jungen deutschen Künstler stand. In den Jahren um 1910 bis 1913, zu denen auch Im Garten gehört, erreicht Amiets Umgang mit Farbe eine besondere Intensität. Leuchtende Gelb-, Grün- und Rottöne durchzie- hen die Bildfläche und erzeugen ein vibrierendes Ganzes, in dem Licht nicht mehr dargestellt, sondern durch farbli- che Mittel selbst hervorgebracht wird. Charakteristisch für diesen Abschnitt seines Schaffens sind zudem die dunklen, teils markant gesetzten Konturen, welche die Farbflächen gliedern und zugleich ihre Leucht- kraft steigern. Diese Linien verleihen der Komposition eine klare Struktur und erinnern an die Cloisonné-Technik, wie sie bereits in Pont-Aven entwickelt wurde. In der Kombina- tion von leuchtender Farbe, flächiger Vereinfachung und konturierender Linie gelingt Amiet eine überzeugende Synthese seiner künstlerischen Einflüsse. So erweist sich ImGarten von 1912 nicht nur als Schlüssel- werk innerhalb von Amiets Œuvre, sondern zugleich als ein prägnantes Zeugnis der Schweizer Moderne, dessen inter- nationale Ausstrahlungskraft bis heute ungebrochen ist.
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