SCHWEIZER KUNST 26. JUNI 2026
97 3056 GIOVANNI GIACOMETTI (Stampa 1868–1933 Glion) Alberto und Diego. 1919. Öl auf Leinwand. Unten links monogrammiert: G.G. Verso signiert, bezeichnet und datiert: Giov ni Giacometti Maloggia 1919. 61 × 50,5 cm. Provenienz: - Nachlass Giovanni Giacometti. - Schweizer Privatsammlung. Ausstellungen: - Basel 1920, Giovanni Giacometti. Niklaus Stoecklin. Albert Müller, Kunsthalle Basel, 9.11.–5.12.1920, Nr. 100, als „Die Brüder“. - Bern 1925, Giovanni Giacometti. Fred Stauffer. V. Surbek. Eug. Zeller. C. Angst, Kunsthalle Bern, 29.3.–26.4.1925, Nr. 45, als „Doppelporträt“. Literatur: - Ausst.-Kat. Giovanni Giacometti. Niklaus Stoecklin. Albert Müller, Basel 1920, S. 9, Nr. 100. - Ausst.-Kat. Schweizerisches Institut für Kunstwissen- schaft. Ausstellung zum 20jährigen Bestehen, Zürich 1971, S. 27, Nr. I. 15, als „Alberto mit seinem jüngeren Bruder Diego“. - Paul Müller und Viola Radlach: Giovanni Giacometti. Werkkatalog der Gemälde, Zürich 1997, Bd. II-2, S. 441, Nr. 1919.06 (mit Abb.). 1900 heiratete Giovanni Giacometti Annetta Stampa; aus der glücklichen Verbindung gingen vier Kinder hervor. In den folgenden Jahren standen ihm sowohl seine Frau als auch die Kinder regelmässig Modell. Die Familie wurde damit zu einem zentralen Motiv in seinem Schaffen. Schon früh zeigte Alberto Interesse an der künstlerischen Tätigkeit des Vaters und hielt sich häufig in dessen Atelier auf. Giovanni erkannte bald die aussergewöhnliche Bega- bung seines ältesten Sohnes, wurde sein erster Lehrer und blieb ihm zugleich ein zugewandter und verständnis- voller Vater. „Mon père était très, très, très gentil“, erinner- te sich Alberto später im Gespräch mit Gotthard Jedlicka. Über lange Zeit blieb er zudem ein bevorzugtes Sujet im Werk des Vaters, in dem sich immer wieder dessen Stolz auf den heranwachsenden Künstler spiegelt. Diego, der zweitälteste Sohn, bereitete den Eltern in jun- gen Jahren bisweilen mehr Sorge. Nach einer Phase der Orientierung wurde er schliesslich zu Alberto nach Paris geschickt, wo sich eine enge und lebenslange Zusam- menarbeit zwischen den Brüdern entwickelte. Diego stell- te sein handwerkliches Können ganz in den Dienst von Albertos künstlerischem Schaffen und wurde zu dessen wichtigstem Mitarbeiter. Das vorliegende Gemälde zeigt Alberto im Zentrum der Komposition, den Blick ruhig und selbstbewusst nach vorn gerichtet. Diego erscheint leicht zurückgenommen im Hintergrund, mit gesenktem Blick. In dieser Gegenüber- stellung wird nicht nur die unterschiedliche Präsenz der beiden Brüder sichtbar, sondern auch ein feines Gespür des Vaters für ihre jeweiligen Charaktere und Lebenshal- tungen. Die Porträts, die Giovanni Giacometti von seinen Söhnen schuf, sind somit weit mehr als familiäre Bildnisse. Sie sind zugleich eindrückliche Zeugnisse eines künstlerischen Umfelds, aus dem zwei der bedeutendsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts hervorgingen, und belegen die Fähigkeit des Künstlers, Individualität und Beziehung in malerischer Sensibilität zu erfassen. CHF 70 000/120 000 (€ 76 090/130 430) Abb. 1: Annette, Diego und Alberto Giacometti vor dem Atelier in Paris, Paris, ca. 1960. Fotografie von Ernst Scheidegger. © Stiftung Ernst Scheidegger Archiv, Zürich
RkJQdWJsaXNoZXIy MTU2