POST-WAR & CONTEMPORARY 25. JUNI 2026

14 3412* HANS HARTUNG (Leipzig 1904–1989 Antibes) T1963-U27. 1963. Vinyl und Grattage auf Leinwand. 61 × 38 cm. Gutachten: Fondation Hans Hartung und Anna-Eva Bergman, Antibes (Nr. T1963-U27). Provenienz: - Galerie Sapone, Frankreich. - Privatsammlung Italien. - Galerie Matteo Lempertico, Italien. - Sammlung Frankreich. Die Linie ist für Hans Hartung, einen der führenden Weg- bereiter des Informel, das zentrale Element und Fundament seiner künstlerischen Sprache. Im Zentrum steht dabei die Linie als Spur einer Handlung. Hartung versteht seine Malerei nicht als spontane Impro- visation, sondern als bewusst gesteuerten Prozess, in dem die Linie eine aufgezeichnete Bewegung darstellt. Sie ist das Ergebnis eines physischen Eingriffs und bewahrt so die Energie dieses Moments. Gleichzeitig besitzt die Linie eine ausgeprägte strukturelle Funktion. Anders als im amerika- nischen Abstrakten Expressionismus, wo die Geste oft als unmittelbarer Ausdruck subjektiver Empfindungen gelesen wird, ist Hartungs Linie in ein kompositorisches Gefüge ein- gebunden. In den 1960er-Jahren gewinnt die Linie, wie hier in ”T1963-U27“, zusätzlich eine materialbezogene Dimension. Durch den Einsatz unkonventioneller Werkzeuge – wie etwa eines Kratzinstrumentes – wird sie nicht mehr nur aufgetra- gen, sondern entsteht durch den Eingriff des Kratzens in die Farbschicht selbst. Die Linie wird zur Schnittstelle zwischen Oberfläche und Tiefe. Der darunter liegende gesprayte Far- bverlauf von Blau, Weiss und Orange tritt zu Tage und explo- diert im Aufleuchten des Komplementärkontrastes auf dem schwarzen Hintergrund. Die Wiederholung, Bündelung und Überlagerung der Linie erzeugen eine visuelle Dynamik und Raumtiefe, die den Blick durch das Bild lenkt. Sie trägt damit auch eine rhythmische und zeitliche Qualität, die an natür- liche Phänomene wie Wachstum, Wind oder Lichtstrahlung erinnern, ohne diese konkret abzubilden. Hartungs Linien in diesemGemälde erscheinen spontan und unmittelbar, sind jedoch Ergebnis eines reflektierten künst- lerischen Prozesses. Gerade diese Ambivalenz versetzt den Bildraum in einen geschlossenen, dreidimensionalen Zu- stand, voller Energie und kosmischer Atmosphäre. CHF 70 000/90 000 (€ 76 090/97 830)

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