POST-WAR & CONTEMPORARY 25. JUNI 2026

22 3417 NICOLAS DE STAËL (Sankt Petersburg 1914–1955 Antibes) Gentilly. 1952. Öl auf Karton. Verso signiert, betitelt und datiert: Staël Gentilly 52. 12 × 22 cm. Provenienz: - Galerie Mathias Fels, Paris. - Privatsammlung Paris. - Auktion Motte, Genf, 7.11.1969, Nr. 84. - Privatsammlung Schweiz, über drei Generationen im selben Familienbesitz. Literatur: - Françoise de Staël: Nicolas de Staël. Cataloge raisonné de l‘œuvre peint, Neuchâtel 1997, S. 338, Nr. 384 (mit Abb.). - Françoise de Staël und Jacques Dubourg: Nicolas de Staël. Catalogue raisonné des peintures, Paris 1968, S. 187, Nr. 380 (mit Abb.). - Charlotte Barat und Pierre Wat (Hrsg.): Nicolas de Staël, Lausanne 2024, S. 118 (mit Abb.). - In: L‘ŒIL, Lausanne 1959, Nr. 59, S. 16 (mit Abb.). Nicolas de Staël wird 1914 in Sankt Petersburg als Sohn ei- nes Generals der kaiserlichen Garde geboren und durch die Russische Revolution früh entwurzelt. Nach der Flucht über Polen und dem frühen Tod seiner Eltern wächst er bei Pflege- eltern in Brüssel auf. Diese frühen Erfahrungen von tiefgrei- fender Umbrüche, wie Verlust und Exil, spiegeln sich zeitle- bens in einer melancholischen Grundstimmung wider und kurbeln seine rastlose Suche nach künstlerischer Wahrheit an. Nach seinem Studium an der Brüsseler Akademie führen ihn Reisen durch ganz Europa und Nordafrika, bevor er sich in Paris niederlässt, wo er schnell zu einer zentralen Figur der Nachkriegskunst aufsteigt. Seine künstlerische Entwicklung vollzieht sich in bemerkens- werter Geschwindigkeit. Zunächst von der klassischen Mo- derne und Einflüssen wie jenen von Braque geprägt, findet er in den 1940er-Jahren zur Abstraktion. Doch de Staëls Weg ist kein linearer Übergang in die Gegenstandslosigkeit. Er ent- wickelt eine Technik, bei der die Farbe nicht mehr nur Mittel zum Zweck, sondern Materie an sich ist. Mit demMalmesser schichtet er die Ölfarbe pastos auf die Bildträger, wodurch eine reliefartige Oberfläche entsteht. Diese Technik erlaubt es ihm, Licht nicht nur darzustellen, sondern es durch die Struktur der Farbmaterie einzufangen. Dabei bewegt er sich dabei stets auf dem schmalen Grat zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Das hier angebotene Werk ”Gentilly“ aus dem Jahr 1952 wirkt wie eine direkte Darstellung der Natur. Das Bild zeigt eine vorstädtische Gemeinde südlich von Paris mit dörflichem Charakter, weiten Flächen und einer einzigartigen Lichtatmo- sphäre. Zu jener Zeit ist die Umgebung einerseits vom Fluss Bièvre geprägt, der das Tal von Gentilly formt, und anderer- seits von einer zwischen Industrialisierung und ländlicher Ruhe schwankenden Architektur. De Staël reduziert die Landschaft auf wesentliche Farb- flächen: Kräftiges, sattes Grün dominiert das Zentrum und steht für die Vegetation, während dunkle, fast schwarze Far- bakzente im oberen Bereich wie Baumgruppen oder archi- tektonische Volumen wirken, die gegen den hellen Himmel kontrastieren. Die untere Bildhälfte besteht aus einer breiten, cremefarbenen oder beigen Zone, die den Fluss Bièvre oder einen Weg darstellen könnte. Der Künstler schiebt und glättet das Öl mit dem Spachtel, wodurch die Ränder der Farbflä- chen nicht hart abgegrenzt sind, sondern ineinander über- greifen. So entsteht trotz flächiger Technik eine räumliche Tiefe. Während viele Zeitgenossen die reine Abstraktion als einzig zeitgemäss ansehen, beweist de Staël mit ”Gentilly“, dass die gegenständliche Welt durch die Linse der Abstraktion neu erfahren werden kann. Er reduziert die Natur auf ihre wesentlichen Elemente. Das Werk ist somit kein Abbild von Gentilly, sondern eine farbliche Verdichtung der visuellen Er- fahrung dieses Ortes. Es vermittelt die Ruhe und Weite der Landschaft vor den Toren der Metropole und zeigt de Staëls einzigartige Fähigkeit, Licht und Raum allein durch die physi- sche Präsenz der Farbe zu konstruieren. CHF 300 000/400 000 (€ 326 090/434 780)

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