POST-WAR & CONTEMPORARY 25. JUNI 2026
84 3464* DAN FLAVIN (1933 New York City 1996) Untitled. 1995. Blaue, grüne und rote Leuchtstoffröhre. 3/5. Auf dem Künstlerzertifikat signiert: Dan Flavin. 23 × 122 cm × 9,5 cm. Gutachten: Dan Flavin (Künstlerzertifikat). Provenienz: - Künstlerstudio. - Privatsammlung Deutschland, direkt vom Künstler 1995 erworben. Ausstellungen: - New York City 1996, Dan Flavin, Pace Wildenstein, 29.3.–27.4.1996. - London 1996, Dan Flavin: New Works, Karsten Schubert Gallery, 21.6.–3.8.1996. - Rio de Janeiro 1998, Dan Flavin, Centro Cultural Light, 14.5.–5.7.1998. Kat. S. 9, S. 13 (jeweils mit Abb.). - London 2000, John Chamberlain. Dan Flavin. Donald Judd, Bernard Jacobson Gallery, 3.3.–1.4.2000. Literatur: - Michael Govan, Tiffany Bell: The Complete Lights 1961– 1996, New York City 2004, S. 405, Nr. 667 (mit Abb.). - Richard Kalina: In another light, in: Art in America 84, Nr. 6, Juni 1996, S. 70 (mit Abb.). Als Dan Flavin 1963 eine handelsübliche Leuchtstoffröhre in einem 45-Grad-Winkel an der Wand seines Ateliers anbringt – und diese kurzerhand zur Kunst erklärt – ist dies ein radi- kaler Akt. Heute zählt er zu den bedeutenden Vertretern der Minimal Art, der die Kunstwelt der Nachkriegszeit revolutio- niert. Seine Neudefinition von Skulptur, die Überwindung der Trennung von Kunstwerk, Raum und Betrachtenden sowie die Etablierung von Licht als eigenständigem, immateriellen Medium machen ihn zum Pionier einer neuen Kunstbewe- gung, die jenseits der traditionellen Mittel ihren künstleri- schen Ausdruck sucht. Seit den frühen 1960er-Jahren arbeitet Flavin mit Leucht- stoffröhren, die er zunächst in sogenannten ”Situationen“ arrangiert und später zu Serien und raumgreifenden Instal- lationen weiterentwickelt. Farben und Masse der Materiali- en ergeben sich dabei aus ihrer industriellen Herstellung. Durch das Licht werden die Betrachtenden selbst Teil des Werks: Der Raum und die darin befindlichen Objekte treten in Beziehung zueinander und verschmelzen zu immersiven Erfahrungen. Auf diese Weise löste Flavin die Farbe aus der Zweidimensionalität der Malerei, erweitert sie in den Raum hinein und ermöglicht eine poetische, beinahe spirituelle Erfahrung, die aus der ”Askese“ der industriellen Form ent- steht. ”Untitled“ (1995) gehört zu einer Werkgruppe, die kon- sequent ein zentrales Problem der Nachkriegskunst verhan- delt: Die Auslöschung einer individuellen Handschrift, des charkateristischen Duktus, durch die Ablösung traditioneller künstlerischer Medien zugunsten industriell gefertigter neu- er Materialien. Diese Entscheidung ist unmittelbar im Kontext einer künstlerischen Generation zu lesen, die sich – parallel zu Donald Judd, Robert Morris oder Carl Andre – gegen die expressive Subjektivität des Abstrakten Expressionismus wendet und stattdessen auf Objektivität, Serialität und Mate- rialgegebenheit setzt. Flavin selbst formuliert programmatisch: ”It is what it is and it ain’t nothing else“. Diese oft zitierte Aussage unterstreicht seine Ablehnung metaphorischer oder illusionistischer Les- arten. Das verwendete Material – standardisierte Leucht- stoffröhren in vorgegebenen Farben und Längen – bleibt als solches erkennbar und wird nicht transformiert. Dennoch entsteht in Arbeiten wie ”Untitled“ eine komplexe visuelle Si- tuation, die ganzheitlich für den Betrachtenden erlebbar ist. Gerade hier liegt die entscheidende Verschiebung: Flavin er- setzt die klassische künstlerische Geste nicht einfach durch industrielle Mittel, sondern verlagert das Werk darüber hin- aus in den Bereich der Wahrnehmung. Das eigentliche ”Ma- terial“ ist nicht die Röhre, sondern das von ihr ausgestrahlte Licht. Es entfaltet seine Wirkung aus der konkreten, physisch erfahrbaren Präsenz von Licht – flüchtig, technisch vermittelt und doch von unmittelbarer visueller Intensität. CHF 100 000/150 000 (€ 108 700/163 040)
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