PRINTS & MULTIPLES 25. JUNI 2026
34 3645 ANDY WARHOL (Pittsburgh 1928–1987 New York City) Mobil. 1985. Farbserigrafie. 169/190. Unten links mit Bleistift signiert: Andy Warhol. Verso mit dem Copyrightstempel des Künst- lers sowie Angaben zum Herausgeber und Trademark. Blattmass 96,3 × 96,3 cm auf Lenox Museum Board. Erschienen bei Ronald Feldman Fine Arts, Inc., New York City (mit dem Blindstempel). Gedruckt von Rupert Jasen Smith, New York City (mit dem Blindstempel). Aus dem 10-teiligen Portfolio ”Ads“. Provenienz: - Privatsammlung. - Halcyon Gallery, London (mit Galeriezertifikat). - Privatsammlung Schweiz, in obiger Galerie 2013 erworben. Werkverzeichnis: Feldman/Schellmann, Nr. II.350. Noch bevor Andy Warhol in den 1960er-Jahren zu einer zen- tralen Figur der Pop Art avanciert, ist er bereits als erfolg- reicher Werbegrafiker in New York City tätig. Mit der Werk- gruppe ”Ads“, einer seiner späten Serien, kehrt er zu jenen visuellen Codes zurück, die seinen künstlerischen Werde- gang nachhaltig prägen. Ausgehend von prominenten Bild- zeichen der Werbekultur des 20. Jahrhunderts – von Chanel über Apple Inc. bis hin zu Mobil – führt Warhol eindrücklich vor Augen, in welchem Masse sich Markenbilder bereits in das kollektive visuelle Gedächtnis einschreiben haben. Während er in früheren Arbeiten Alltagsgegenstände durch künstlerische Transformation in den Rang fast nahe zu iko- nischer Bildmotive überführt, exemplarisch beispielsweise in den Campbell’s Soup Cans, greift er in ”Ads“ auf massen- medial etablierte und schon stark zirkulierende Bildformeln zurück. Die Farbserigrafie ”Mobil“ zählt dabei zu den präg- nantesten Beispielen dieser Strategie. Im Zentrum der Komposition steht das Pegasus-Emblem des Ölkonzerns: das aufsteigende, geflügelte Pferd, das gegen Ende des 20. Jahrhunderts im öffentlichen Raum nahezu omnipräsent ist. Ob an Tankstellen, auf Plakatflächen oder in Printmedien – der rote Pegasus begegnet den Betrachten- den in permanenter Wiederholung und prägt sich nachhaltig in die visuelle Alltagskultur ein. Durch Warhols künstlerische Interpretation wird das Zeichen seiner primär funktionalen Rolle als werbewirksames Unter- nehmenslogo enthoben und tritt als autonomes Bildmotiv hervor. Zugleich bleibt es in einem produktiven Wechselspiel zwischen mythologischer Herkunft und moderner Markenäs- thetik verankert: Während es in der griechischen Antike als Sinnbild für Inspiration, Schnelligkeit und geistige Erhebung gilt, fungiert das geflügelte Pferd im Kontext der Konsumkul- tur als Träger von Assoziationen wie Energie, Mobilität und technologischem Fortschritt. In dieser semantischen Ver- schiebung wird das Logo als kulturell codiertes Zeichen les- bar. Warhol legt offen, in welchem Ausmass visuelle Formeln unsere Wahrnehmung strukturieren: Das vertraute Emblem des Mobil-Pegasus fungiert als eine Art visuelle Kurzschrift, die komplexe Bedeutungszusammenhänge verdichtet und unmittelbar verfügbar macht. Kunstwissenschaftliche Ansätze, insbesondere das von Aby Warburg geprägte Konzept der Pathosformel, lassen sich produktiv auf Warhols Vorgehen beziehen. Was Warburg als wiederkehrende Ausdrucksformen beschreibt, die emotiona- le Intensitäten über historische Zeiträume hinweg transpor- tieren, findet in den von Warhol gewählten Bildzeichen eine zeitgenössische Entsprechung. Gerade der Pegasus lässt sich in diesem Sinne als moderne Pathosformel verstehen: Als visuelles Kondensat, das zwischen antiker Bildtradition und gegenwärtiger Konsumkultur vermittelt und kollektive Imaginationen in prägnanter Weise bündelt. ”Mobil“ erweist sich somit nicht als blosse künstlerische An- eignung eines Werbeemblems, sondern als kluge Reflexion über die Zirkulation, Transformation und Wirksamkeit von Bil- dern im 20. Jahrhundert. Warhol macht sichtbar, wie sich Be- deutung im Spannungsfeld von Mythos, Marke und medialer Reproduktion konstituiert, verschiebt und neu codiert – und wie ein weithin verbreitetes Firmenlogo den Status eines kul- turell aufgeladenen Bildzeichens annehmen kann. CHF 40 000/60 000 (€ 43 480/65 220)
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