GEMÄLDE ALTER MEISTER 18. SEPTEMBER 2026

108 3065 FRANÇOIS BOUCHER (1703 Paris 1770) Drehleier-Spieler in einer Landschaft. Vor 1740. Öl auf Leinwand. Unten links signiert: f. boucher. 49,1 × 38,3 cm. Provenienz: - Kunsthandel, Paris, 1846 (verso mit Etikett). - Sammlung James Hughes Anderdon (1790–1879), London. - Auktion Christie‘s, London, 30.–31.5.1879, Los 30 (verso mit Etikett) (als F. Boucher). - Sammlung Durlacher. - Sammlung Marion Bateman, Grossbritannien. - Auktion Christie‘s, London, 21.5.1971, Los 60 (as F. Boucher). - Privatsammlung. - Auktion Bonhams, London, 5.7.2017, Los 33 (als Französische Schule, 18. Jh.). - Schweizer Privatsammlung. Mit einer Bestätigung der Eigenhändigkeit von Alastair Laing nach Studium des Originals, 8.10.2021, sowie einer ausführli- chen kunsthistorischen Analyse von François Joulie, die diesem Katalogtext zugrunde liegt (August 2026). Da François Boucher in erster Linie nicht als Porträtist tätig war, kommt den wenigen Porträts, die er in seiner künstlerischen Laufbahn schuf, eine besondere Bedeutung zu, denn sie setzten eine enge Verbindung zwischen Boucher und seinem Modell vo- raus. Die von ihm am häufigsten porträtierte Frau ist Madame de Pompadour (1721–1764), die er neunmal malte und damit zum wichtigsten ihrer Porträtisten wurde. Auch die wenigen Männer, die Boucher darzustellen bereit war, gehörten zu seinem enge- ren Umfeld. Man denkt sofort an das Pastellporträt seines Freun- des Jean-Claude Gaspard de Sireul (um 1713–1781) oder an das Porträt des Violinisten und Komponisten Francesco Geminiani (1687–1762). Im vorliegenden Gemälde zeigt Boucher einen Musiker in einem Seidengewand mit changierenden Farbtönen und Pelzbesatz. Dabei handelt es sich um jene Art eleganter, locker getragenen Hauskleidung, die in Teilen des 18. Jahrhunderts Mode war. Das blaue Halsband, das seit Ludwig XIV. als Kleidungscode zur Kenn- zeichnung eines privaten Porträts diente, unterstreicht den inti- men Charakter unserer Darstellung. Bouchers Bezugspunkt, als er den Musiker in unserem Gemälde in einem solchen Gewand malte, war sein erstes Porträt, jenes von Antoine Watteau (1684– 1721), das er mehr als zehn Jahre zuvor, 1724–1725, geschaffen hatte. In dieser Zeit zeichnete Boucher mit Kreide ein Bildnis die- ses Künstlers, um es als Titelbild des zweiten Bandes der „Figu- res de différents caract res de paysages et d’études“ stechen zu lassen (siehe beispielsweise: Los Angeles County Museum of Art, Inv.-Nr. AC1992.276.2). Da Watteau kurz zuvor verstorben war, orientierte sich Boucher an dessen Selbstporträt in einem roten Hausgewand, das am Kragen und an den Ärmeln mit demsel- ben Pelz besetzt war. Wie auch Alastair Laing geschrieben hat, ist das hier angebote- ne Bildnis des Drehleierspielers eine vollständig eigenhändige Arbeit Bouchers, wie die Präzision und die Nuancen des Pinsel- strichs, die freie Ausführung der Details, wie beispielsweise der Blätter auf der rechten Seite der Komposition, und die raffinierten Farbwirkungen belegen. Das Werk ist früh in der Laufbahn des Künstlers anzusiedeln, kurz nach seiner Rückkehr aus Italien, vor 1740. Das Vorhandensein einer mit Zierleisten geschmückten Drehleier mit geschnitztem Hals liefert im Übrigen einen wert- vollen Hinweis, denn dieser Instrumententyp wurde von 1716 bis 1741 im Konzert verwendet und danach aufgegeben. Die drehleierspielende, in ihren Gesang vertiefte Figur, lässt un- mittelbar an den Tenor Pierre de Jélyotte (1713–1767) denken, den man aus Porträts von Charles-Antoine Coypel (1694–1752), das sich im Musée du Louvre in Paris befindet (Inv.-Nr. MI 1049), oder von Louis Tocqué (1696–1772) aus der Eremitage in Sankt Petersburg (Inv.-Nr. ГЭ-5638) kennt. Jélyotte trat 1733 erstmals auf der Pariser Bühne auf und begann seine dortige Laufbahn in der Société du Caveau, der auch Boucher angehörte. Boucher hatte imApril 1733 eine Musikerin aus einer Familie königlicher Violinis- ten geheiratet, und Musik und Musikinstrumente hielten zu dieser Zeit Einzug in sein Werk. Auf Grundlage all dieser Indizien ist eine Identifizierung des Dargestellten mit Jélyotte durchaus plausibel. Von dem hier angebotenen Porträt existiert eine kleinere, eben- falls signierte Fassung. Unsere Version dürfte dabei nach der kleineren aus dem Gedächtnis entstanden sein. Die kaum sichtbare Unterzeichnung war hierfür weniger notwendig, da das Motiv bereits vertraut war. Die frei ausgeführten Blätter am rechten Bildrand zeugen dabei von einer sicheren und sponta- nen Pinselführung, die dem Meister selbst zuzuschreiben ist. Eigenhändige Wiederholungen dieser Art entstanden bei Bou- cher meist kurze Zeit nach dem ursprünglichen Auftrag. Ein besonders gut dokumentiertes Beispiel sind die beiden Fas- sungen der Leda von 1742: Die erste, unsignierte Version mit zahlreichen Pentimenti befindet sich weiterhin in Privatbesitz; die zweite entstand für Graf Tessin, den schwedischen Bot- schafter in Paris, und gelangte nach Stockholm, wo sie heute im Nationalmuseum aufbewahrt wird (Inv.-Nr. NM 771). Solche Zweit- und Drittfassungen sind bei Boucher besonders in sei- ner frühen Zeit häufig und schliessen eine Werkstattbeteiligung aus, da er damals noch kein eigenes Atelier besass. Unser äusserst charmantes Gemälde muss einst Teil der Sammlung eines grossen Musikliebhabers gewesen sein, was auch der wunderbar passend gestaltete Rahmen bezeugt. CHF 100 000/150 000 (€ 108 700/163 040)

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