GEMÄLDE ALTER MEISTER 18. SEPTEMBER 2026
40 3024* JAN STEEN (1626 Leiden 1678) Fröhliche Gesellschaft vor einem Wirtshaus. Öl auf Holz. Unten rechts signiert: JS (ligiert) teen. 40,4 × 50 cm. Provenienz: - Sammlung von Nell. - Durch Erbfolge an heutige Besitzer, Europäische Privatsamm- lung. Ausstellung: 2008–2024, Dauerleihgabe Museum Wiesbaden - Hessisches Landesmuseum für Kunst und Natur. Anlässlich des 400-jährigen Geburtstages von Jan Steen in die- sem Jahr widmet das Museum de Lakenhal in seiner Geburts- stadt Leiden dem Künstler eine monographische Ausstellung „At home with Jan Steen“ (2.4.–23.8.2026). In der dort gezeigten Folge reiht sich auch das hier angebotene Gemälde, das bis zu- letzt seit 2008 im Museum Wiesbaden ausgestellt war. Es handelt sich hierbei um ein Frühwerk von Jan Steen, in dem der Künstler, der vor allem für seine humorvollen Gesellschaften geschätzt wurde, bereits die Charakteristik seiner Malerei vor Augen führt. Dr. Fred G. Meijer datiert diese Szene in die frühen 1650er-Jahre und vermutet, dass dieses Gemälde für den offe- nen Markt geschaffen wurde und die Beliebtheit solcher The- men in dieser Zeit belegt. Stilistisch und auch in Hinblick auf einzelne Motive kann dieses Gemälde mit der „Dorf-Hochzeit“ von 1653 im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam verglichen werden (Öl auf Leinwand, 64 × 81 cm, abgebildet in: Ausst.–Kat. At home with Jan Steen. 400 years of merrymaking, Leiden 2026, S. 52–53, Kat. Nr. 7). Die Vielzahl der dargestell- ten Personen erinnert an unsere Komposition, einzelne Motive, wie der Hund, werden wiederholt, ebenso die säulengestützte Pergola, auf den Weinranken wachsen und die auch in unserem Gemälde zur Rechten auf dem Balkon zu sehen sind. Unsere Szene spielt sich vor einem belebten Gasthaus mit ei- ner Landschaft im Hintergrund ab. In der Mitte der Komposition tanzt ein fröhliches Paar zum Rhythmus der Musik, die von ei- nem Geiger gespielt wird. Die grosse Vielfalt an Figuren, näm- lich die zwei Kinder mit ihren Spielzeugen, die die Szene beob- achten, der betrunkene Mann mit offenem Hosenschlitz, der von seiner Frau gestützt wird, und der lächelnden Grossvater, der ein kleines Kind umarmt, ist repräsentativ für Steens feine Beobachtung der menschlichen Art. Dieses in weichen Farbtö- nen gemalte Bild ist ein aussergewöhnliches Beispiel für Steens frühe Technik und Malstil. Während die späteren Werke in einer eher feineren Detailvielfalt gemalt sind, zeichnen sich die frühen Gemälde, zu denen auch dieses hier angebotene zählt, durch markante Gesichtszüge in einer freien virtuosen Malweise aus. Stilistisch vergleichbar mit unserer Darstellung ist ein weiteres Frühwerk von Jan Steen, „Bauern tanzen vor einem Gasthaus“ imMauritshuis, Den Haag (um 1646–48, Öl auf Holz, 40,2 × 57,5 cm, Inv.-Nr. 553), bei dem die Bewegungen der Tänzer und die lachenden Gesichter in einer wirkungsvollen Weise die fröhli- che Stimmung widerspiegeln. Jan Steen wurde um 1626 in Leiden in einer katholischen Bier- brauereifamilie geboren und erlebte so aus erster Hand das fröhliche Treiben in den Kneipen und Gasthäusern, die seine Eltern für ihre Geschäftsbeziehungen aufsuchten. Er erhielt eine Ausbildung als Maler und war 1648 Mitbegründer der Sankt Lukas-Malergilde in Leiden, die sich zu einem wichtigen Zusammenschluss professionalisierter Künstler entwickelte. Arnold Houbraken (1660–1719), der Biograf der berühmtesten holländischen Künstler des 17. Jahrhunderts, beschrieb ihn als „farcenhaft“ und „immer fröhlich imGeiste“ und stellte fest, dass „er in der Lage war, mit seinem Verstand und seinem Pinsel Din- ge auszudrücken, sowohl in Bezug auf die Naturdarstellung als auch auf die Malweise, die Bewunderung verdienen“ (De groote schouburgh der Nederlantsche konstschilders en schilderes- sen, Bd. I, Den Haag 1718, S. 374). Der Geiger dieses Gemäl- des weist Ähnlichkeiten mit Steens eigenen Gesichtszügen auf, was auf dessen Ehrgeiz hindeuten könnte, sich selbst schon in einem frühen Stadium seiner Karriere in seine Kompositionen einzubeziehen. Dieses Objekt ist auch durch seine besondere Provenienz at- traktiv, da es sich seit Jahrhunderten im Besitz der Familie von Nell befunden hat. Der früheste Vorfahre lässt sich bis 1643 mit Christian Nell in Wallersheim bei Koblenz zurückverfolgen. Er baute sein Vermögen als Flösser und Holzhändler auf, ein Ge- schäft, das seine Nachkommen über Generationen fortführten. Kaufleute wie er versorgten die Städte entlang des Flusses mit Eichen- und Buchenstämmen für verschiedene wirtschaftlich bedeutsame Bauwerke. Die enge Verbindung zu den Niederlan- den, die mit diesem Beruf verbunden ist, legt nahe, dass Chris- tian von Nell, sein Sohn Peter Christian oder einer ihrer Nach- kommen das Gemälde von Steen auf dem niederländischen Markt gekauft haben könnten. Das Gemälde ist im RKD, Den Haag, als eigenhändiges Werk von Jan Steen unter der Nummer 313806 archiviert. CHF 30 000/50 000 (€ 32 610/54 350)
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