GEMÄLDE ALTER MEISTER 18. SEPTEMBER 2026

8 3004* FRANCESCO PESELLINO, zugeschrieben (um 1422 Florenz 1457) Verkündigung. Um 1450. Öl und Tempera auf Holz. 47,2 × 63,3 cm. Provenienz: - Slg. Nelson-Atkins-Museum of Art, Kansas City (als Francesco Pesellino, zugeschrieben). - Auktion Christie’s, New York, 13.1.1987, Los 93 (als Benozzo Gozzoli, Umkreis). - Slg. Luigi Grassi Jr. (geb. 1931) und Marco Grassi (1934–2025), Florenz und Studio Grassi, New York (als Meister von San Miniato). - Europäischer Privatbesitz, seit 2011. - Durch Erbschaft an heutigen Besitzer, Europäischer Privatbe- sitz. Literatur: - Burton B. Fredericksen und Federico Zeri: Census of Pre-Ni- neteenth-Century Italian Paintings in North American Public Collections, Cambridge (Mass.) 1972, S. 25. - Ausst.-Kat. Siena tra purismo e liberty, Siena 1988, S. 189, Fussnote 15. - Ausst.-Kat. Bruno Marzi. Falsificazioni d‘arte a Siena tra Ottocen- to e Novecento, Siena 1995, S. 203. - Gianni Mazzoni: Quadri antichi del Novecento, Vicenza 2001, S. 353, Nr. 1 (als Giuseppe Catani, 1866–1945). Mit einer kunsthistorischen Analyse von Prof. Gaudenz Freuler, Juli 2026. Das Gemälde ist in der Fototeca Zeri unter der Nummer 12315 archiviert. Die vorliegende florentinische Renaissance-Tafel mit der anmu- tig inszenierten Darstellung der Verkündigung an Maria blickt auf eine ebenso wechselvolle Rezeptions- wie Restaurierungs- geschichte zurück. Die ältere Literatur vermochte das Werk nur unzureichend zu erfassen, da sie sich auf einen Bildzustand stütz- te, der durch umfangreiche spätere Übermalungen erheblich verfälscht war. Dies führte verschiedentlich zu der Auffassung, es handle sich um eine historistische Fälschung des späten 19. oder frühen 20. Jahrhunderts. Ausgangspunkt dieser Fehleinschätzung war eine tiefgreifende Überarbeitung der originalen Malschicht, die vermutlich im 19. Jahrhundert vorgenommen wurde. Damals wurde links ein neuer Landschaftshintergrund mit Ausblick auf einen Renaissancegar- ten ergänzt, während die ursprünglich am vorderen Bildrand vor Maria kniende Stifterfigur vollständig überdeckt wurde. Gleichzei- tig wurden die Gesichter der Hauptfiguren übermalt und verän- dert, die den ursprünglichen Stil der Tafel weitgehend entstellte. Die Argumentation der Vertreter der Fälschungsthese beruhte ausschliesslich auf historischen Schwarzweissfotografien vor der Restaurierung (siehe Abbildung in Mazzoni 2001, S. 353, Nr. 1). Erst eine umfassende konservatorische Restaurierung legte die originale Malschicht wieder frei. Dabei kam die feine Zeichnung der Gesichter, Hände und Gewänder wieder zum Vorschein, wel- che die hohe Qualität der ursprünglichen Ausführung eindrucks- voll belegen. Eine weitere materialtechnische Untersuchung im Doerner Institut in München 2011 bestätigte die Authentizität dieses florentinischen Renaissancegemäldes. Bemerkenswert ist, dass diese Erkenntnisse inzwischen auch von Gianni Mazzoni geteilt werden, der zuvor zu den entscheidensten Vertretern der Fälschungsthese gehörte. Nachdem ihm eine hoch- aufgelöste Fotografie des Gemäldes im restaurierten Zustand vor- lag, zog auch er die Echtheit des Werkes nicht länger in Zweifel. Vor diesemHintergrund stellt sich erneut die Frage nach der Autor- schaft dieser qualitätsvollen Verkündigung. In der Vergangenheit wurden verschiedene florentinische Maler um die Mitte des 15. Jahrhunderts als Schöpfer unserer Tafel vorgeschlagen. Die feine Linienführung, die lyrische Auffassung der Figuren sowie die ele- gante Bewegtheit der Gewänder und die sanfte Modellierung der Gesichter stehen der Kunst Pesellinos, der in der Werkstatt Fra Fil- ippo Lippis (1406–1469) ausgebildet wurde, besonders nahe. Zweifellos geht die Komposition der vorliegenden Verkündigung auf Bildfindungen zurück, die im unmittelbaren Umkreis der Werkstatt Fra Filippo Lippis entstanden. Dies wird insbesondere im Vergleich mit Lippis Verkündigungen in der National Gallery in London und der National Gallery of Art in Washington deut- lich, deren ikonographische und kompositorische Grundidee hier unverkennbar nachklingt. Dieselben Vorbilder griff auch Lippis Schüler Francesco Pesellino in seiner Verkündigung in der Cour- tauld Gallery in London auf und entwickelte sie zu einer persön- lich geprägten Interpretation weiter. Gleichwohl wirken die Figuren ruhiger und statischer, und auch die psychologische Gestaltung der Begegnung zwischen Engel und Maria weicht deutlich von den Vorbildern Lippis und Pesel- linos ab. Statt ehrfürchtiger Versenkung begegnen sich beide Fi- guren unmittelbarer und dialogischer. Gerade diese eigenständige Akzentverschiebung und stilistische Abweichung spricht dafür, dass unsere Verkündigung von einem talentierten Maler aus dem engsten Werkstattkreis Pesellinos ge- schaffen wurde, der es verstand, die Bildformel seines Meisters hervorragend aufzugreifen. Wir danken Prof. Gaudenz Freuler für die wissenschaftliche Un- terstützung bei der Katalogisierung dieses Loses. CHF 100 000/150 000 (€ 108 700/163 040)

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