BÜCHER & AUTOGRAPHEN 16. SEPTEMBER 2026
4228 Mann, Thomas, Schriftsteller (1875-1955). Vier eigenhändige Briefe mit Unterschrift an den Schweizer Komponisten Albert Moeschinger.Pacific Palisades (2, mit gedrucktem Briefkopf) und Zürich (2), 1948-1949. 8° (2) und Gr.- 8° (2). Zusammen 11 1/2 S. Mit den eigenhändig beschrifteten Briefumschlägen. Moeschinger (1897-1985) beschäftigte sich nach Lektüre des "Doktor Faustus" intensiv mit Zwölftonmusik und komponierte 1947 die dramatische Kantate "Die kleine Seejungfrau" für Soli, Chor und Orchester, op. 75. Das Werk war Thomas Mann gewid- met, der intensiven Anteil nahm und sich in den vorliegenden Briefen ungewöhnlich offen über sein Werk äusserte. Im langen ersten Brief vom 22. 3. 1948 (7 S.) formuliert er zunächst die Quintessenz von "Zauberberg" und den "Joseph-Romanen". Er geht dann ausführlich auf den "Faustus" ein: "Es ist ein Lebens- und Bekenntnisbuch von eigentümlicher, fast wilder Direktheit, kaum noch Kunst, kaum noch ein Roman, und während ich, in tie- fer Dauer-Erregung, daran schrieb, empfand ich es immer als ein Geheimwerk. sodass ich noch heute bei dem Gedanken erschre- cken kan, dass es nun zum oeffentlichen Gegenstand geworden ist. Es war kein Zufall, dass ich mitten darin schwer erkrankte [...] Es ist ein Werk-Erlebnis besonderer Art, wie keins vorher war und wie es nicht wiederkehren wird. Früheres von mir hat allerlei Wir- kungen hervorgebracht, aber zum erstenmal geschieht es, dass ich Tränen sehe in den Augen meiner Leser sehe [...] Verzeihen Sie eine Mitteilsamkeit, die der Dankbarkeit für Ihre schöne An- teilnahme entsprang. Wie gut wir uns verstehen, geht aus Ihrer Bemerkung hervor, dass Sie in der Zwölf-Ton-Technik 'etwas Re- aktionäres' empfinden empfinden. Genau so, und obendrein als Teufelseingebung, ist sie im 'Faustus' beschrieben. Trotzdem legt Schönberg Wert darauf, dass ich in einer Nachbemerkung ihn als ihren wirklichen geistigen Urheber nenne. Das soll geschehen." Mann setzt das Thema am 9. 7. 1948 fort. Aus Zürich schliesslich schreibt er am 16. 4. 1949 an Moeschinger in Montana: "Mit Ver- gnügen (und Neugier) sage ich zu, am 25. vormittags [...] dort [am Radio Basel] die 'Kleine Seejungfrau' zu hören. Desto schöner, dass es in Ihrer Gesellschaft geschehen kann." Dem letzten Brief aus Vulpera (Engadin) vom 15. 7. 1949 liegt eine Kritik von Walter Abendroth aus der 'Zeit' vom 23. Juni bei, die Mann 'Ahnungs- losigkeit vom Wesen der Musik' attestiert. Mann kommentiert: "Die Bosheit der Deutschen ist nie zu stillen. Lesen Sie das Bei- liegende! Was für ein schlecht bereitetes Gift! [...] Und was für ein gehässiger Esel muss einer sein, um aus dem Buch Feindschaft gegen die Musik herauszulesen? ". - Beiliegend: Golo Mann. Ma- schinenschriftlicher Brief mit eigenh. Unterschrift. Kilchberg, 27. 5. 1972. 4°. 1 S. - Dankesbrief an den Musikwissenschaftler Hans Oesch, der den Briefwechsel zwischen Moeschinger und Mann 1972 in der Schweizer Musikzeitung 112, Heft 1 veröffentlicht und kommentiert hatte. Nach Golo Mann gehört der erste Brief des Vaters "zum Erleuchtetsten, was er über seinen 'Faustus' ge- schrieben hat". - Umschläge teils eingerissen und unfrisch, sonst sehr gut erhalten. - Provenienz: Schweizer Privatbesitz. CHF 3 000/5 000 (€ 3 260/5 430) 4228 | 107
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