FASZINATION FAYENCE DIE SAMMLUNG DR. PETER DUCRET 17. SEPTEMBER 2026

1144 SELTENE BILDPLATTE Schrezheim, um 1761–64. Bemalung von Johann Andreas Bechdolff (1734–1807). Fayence mit Muffelfarben. Modelliert mit einem rechteckigen Bilderrahmen mit aufgelegten Rocaillenreliefs in den vier Ecken, staffiert in Gelb und Eisenrot. Die Bildszene einen osmanischen Würdenträger, dem "Jannisar-Agasi", einem General der Janit­ scharen am linken Bildrand darstellend, der auf einer Terrasse mit Rocaillevase auf einem Sockel in repräsentativer Pose steht vor einer Meerlandschaft mit dem Heck eines Segelschiffs am rechten Bildrand und einem Festungsturm mit Architekturen auf einer Landzunge mit hügeliger Landschaft verblassend in der Ferne. Am oberen Rand zur Hängung und beidseitig zweifach durchbohrt. Ohne Marke. 9,5 × 25 cm, Rahmenhöhe 2,5 cm. Haarrisse. Provenienz: - Sammlung W. Oesterle, München. - Kunsthandel René Simmermacher, Zürich, 1980er Jahre. Literatur: - Hans Erdner und Gert Nagel: Die Fayencefabrik zu Schrez­ heim, 1972, Abb. 56. - Gert Nagel: Die Fayence-Galerie der Schrezheimer Manufak­ tur, in Antiquitätenzeitung 5/1978, S. 11, Abb. 3. - Peter Ducret, "Türken-Darstellungen auf Schrezheimer Fay­ ence Bildplatten von Johann Andreas Bechdolff", in: Keramos 119/1988, S. 73, Taf. IV. Die mit Rocaillenrelief verzierten Bildplatten mit ganz unter­ schiedlichen Malereien, gehören zum Formenrepertoire der Schrezheimer Fayencemanufaktur mit starkem Wiedererken­ nungswert. Dieser spezielle Typus in Aufglasurfarben bemalt, gehört der ersten Produktionsphase in Schrezheim an, 1752–75. Dabei zählen die reizvollen orientalisierten Szenen zu den inte­ ressantesten Sujets, die vor einer terrassierten Umgebung mit Parkskulpturen vor einer Fantasielandschaft mit Küstenszenerie inszeniert wurden. Eine relativ grosse Anzahl an erhaltenen Platten zeugt von der Beliebtheit dieser Bilder. Die erste umfassende Darstellung stammt von Erdner und Nagel (1972, Abb. 56a, 56b). Peter Ducret hatte die bekannten Exemplare, von dem Ellwanger Schmelzma­ ler Johann Andreas Bechdolff bemalt, aufgearbeitet und ihren graphischen Vorbildern gegenübergestellt (Keramos 119/1988, S. 69-80). Die für eine süddeutsche Fayencemanufaktur des 18. Jh. si­ cherlich ungewöhnlich fremdländisch erscheinenden Figuren wurden sehr detailgetreu einer graphischen Vorlage entnom­ men, die Dank der Eindrücke des französischen Botschafters de Ferriol, aus den Jahren 1707–08 während dessen Gesandschaft in Konstantinopel, ein wertvolles Zeitzeugnis lieferten. Dieser beauftragte den ihn begleitenden französisch/flämischen Maler Jean-Baptiste Vanmour mit einer Bilderreihe über das höfische und städtische Leben im fernen Konstantinopel. Die Gemälde dienten nach der Rückkehr des Botschafters de Ferriol als Kupfer­ stichvorlagen und wurden 1714 unter dem Titel "Recueil de cent estampes représentant différentes nations du Levant" publiziert (Williams 2014, S. 49). Die Stiche fanden grosse Beachtung und wurden mehrfach neu aufgelegt. 1719 erschien beim Nürnber­ ger Verleger Christoph Weigeln eine Serie, die Bildlegenden ins Deutsche übersetzt. Sie lieferten zahlreichen Künstlern und Ma­ nufakturen ein Vorbild, so auch derjenigen von Closter Veilsdorf (vgl. Lot 1192): "wahrhafteste und neueste Abbildung des Türki­ schen Hofes, welche nach denen Gemählden so der Königliche Französische Ambassadeur Charles Comte de Ferriol Zeit seiner Gesandtschafft in Constantinopel im Jahr 1707 und 1708. durch einen geschickten Mahler nach dem Leben hat verfertigen las­ sen zu finden bey Christoph Weigeln / Nürnberg … 1719" (Peter Ducret, Keramos 101, 1983; Veit-Rothmeier 2016). Auch der auf unserer Tafel dargestellte Janitscharen General folgt einem Vorbild aus dieser Reihe, betitelt "Jannisar-Agasi, Der General der Janitscharen". Die von den Europäern gefürchteten Janitscharen waren die Elitetruppe im osmanischen Militär und stellten die Leibwache des Sultans. Ihre Anführer bekleideten im Staate höchste Positionen und erlangten grosses Ansehen. CHF 6 000/8 000 (€ 6 520/8 700) 130 |

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