FASZINATION FAYENCE DIE SAMMLUNG DR. PETER DUCRET 17. SEPTEMBER 2026
Forscher, Sammler, Connaisseur Unser erster Besuch bei Peter ist mir unvergesslich: Der herzliche Empfang in Kilchberg, die köstliche Bewirtung, der traumhafte Blick vom Haus über den Garten und über den Zürichsee. Und vor allem das Interieur, das alle Erwartungen übertraf: ein ele- gant-gemütliches Ambiente mit alten Möbeln, Grafiken, Bildern, dazwischen überall Keramik. Herrliche Terrinen standen in ei- nem Fach unter der Glasplatte des Couchtisches, Schaugerichte und Trompe l’oeils rahmten den Kamin – die Sammlung war so einzigartig und stilvoll präsentiert, dass wir uns weit weg vom Alltag ins 18. Jahrhundert versetzt fühlten. Bei Kaffee und Kuchen begann ein leidenschaftlicher Austausch über die Fayencen, die Peter liebenswürdig und mit unübertroffener Kennerschaft erklärte. Über die letzten Jahre entstand so eine tiefe, wertvolle Freundschaft. Die Liebe zur Keramik und ein Gefühl für Qualität waren Peter in die Wiege gelegt. Seine Eltern sammelten frühes Porzellan, nicht nur aus Meißen. Dr. Siegfried Ducret, sein Vater, war einer der besten Kenner dieser Materie, der forschte und Standardwerke schrieb. Peter führte das nicht einfach fort, sondern erarbeitete sich ein eigenes Gebiet, die Fayence. Ihn interessierten der kunst- und kulturhistorische Hintergrund, die Manufakturen, die Maler: das Unbekannte und Unerkannte faszinierte ihn. Wichtige Ergebnisse seiner Forschungen hat er in unserer Zeitschrift KERAMOS und anderswo veröffentlicht. Ausgehend von einer bis dahin unbekannten, voll signierten Bildplatte bereicherte er das bekannte Oeuvre Adam Friedrich von Löwenfincks als Figuren- und Landschaftsmaler auf Fayence (KERAMOS 100, 1983, S.117-126, vgl. Lot 1092). In einem weiteren Beitrag stellte er die Bildplatten Johann Andreas Bechdolffs aus dem Schrezheimer Türkenzyklus und ihre grafischen Vorlagen nebeneinander (KERAMOS 119, 1988, S.69-80, vgl. Lot 1144). Forschen und Sammeln gingen bei Peter Hand in Hand. Sammeln hieß für ihn Auswählen. Seine Kriterien sind an fast jedem Stück der Sammlung ablesbar, die deshalb eine sehr persönliche "Handschrift" zeigt. Authentizität und Seltenheit waren die Grundvoraussetzungen bei seinen Fayencen, die vor allem aus den Manufakturen Süddeutschlands, Frankreichs und der Schweiz kamen. Figürliche Formen, malerische Qualität und die Palette der Muffelfarben reizten ihn mehr als das häufige blau dekorierte Geschirr, das nur in kleiner Stückzahl in die Sammlung gelangte. Diese ästhetischen Vorlieben waren sicher geprägt vom elterlichen Porzellan, wobei er die Fayencen – wie viele Kenner beider Werkstoffe – als wärmer, bodenständiger empfand. Ansbach, Bayreuth, Crailsheim, Fulda, Göggingen, Künersberg, Schrezheim und Straßburg sind mit bedeutenden Stücken vertre- ten, die in seltener Fülle exemplarisch für die Spitzenleistungen der Manufakturen stehen, so eine ganze Reihe von Schaugerich- ten und Trompe l’oeils aus demClemenswerther Service des Kurfürsten Clemens August. Peters Lebenswerk steht in einer Reihe mit den bedeutendsten privaten Fayence-Sammlungen, zum Beispiel denen von Oscar Bondy, Ragner Børsum, Karl Fischer (Fischer-Böhler), Paul Heiland, Igo Levi, Herrmann Lockner und Ulrich Seiler, aus denen er Stücke erwerben konnte. BeimBlättern imKatalog zeigt sich einweiteresMerkmal der Sammlung: als Forscher suchte Peter alles, was eine besondereAussage- kraft besitzt und Geschichten erzählt. Das gilt auch für die einfacheren Objekte, zumBeispiel seltene Formstücke oder Produkte kleiner Manufakturen, die für das Verständnis der Fayence wichtig sind. Peters Sammlung ist also nicht nur der Ausdruck von Begeisterung und einer Leidenschaft für das Schöne, sondern auch das Ergebnis außergewöhnlicher Kennerschaft, gespeist aus der Quellenfor- schung, dem Dokumentieren und Vergleichen von Objekten in Museen, privaten Sammlungen und im Kunsthandel und nicht zuletzt dem täglichen Umgang mit den eigenen Stücken. Denn nichts schärft das Wissen mehr als ein waches Auge auf Anschauungsma- terial, das man jederzeit zur Hand hat, bei demman auch das Gewicht und die Oberflächen spürt. So versteht es sich von selbst, dass Peter seine Schätze bis ins Detail beschrieben, erforscht und zugeordnet und dabei viele neue Erkenntnisse ans Licht gebracht hat. Peter suchte die Diskussion mit Museumsleuten, anderen Sammlern, den Händlern. So war er Mitglied in den wichtigen Fach- gesellschaften. Für uns, die Gesellschaft der Keramikfreunde, der er fast sein ganzes Sammlerleben lang angehörte, war dies ein Segen. Peter teilte sein Wissen und seine Erfahrungen bereitwillig brieflich, im Gespräch und auf den gemeinsamen Reisen. Zahllose Objekte sind durch seine Hilfe richtig eingeordnet, den Manufakturen und Malern zugeschrieben worden. Peters langes Leben war zu kurz, um uns allen sein reiches Wissen vollständig zugänglich zu machen. Umso wichtiger ist der vorliegende Katalog, der auf seinen Forschungsergebnissen beruht und als dauerhaftes Zeugnis seines Forschens und Sammelns bleibt. Sammeln hieß für Peter "Besitzen auf Zeit". Nach seinem Willen wird seine Kollektion aufgelöst. Die Fayencen der Schweizer Manufakturen fanden in einer bedeutenden Privatsammlung ihren neuen Platz und werden hoffentlich bald publiziert; lokalhis- torisch wichtige Teilbestände bereichern Museen in der Schweiz. Die Versteigerung deutscher und französischer Fayencen gibt den Museen und anderen Sammlern die Gelegenheit, ihre Bestände zu ergänzen. Es ist zu hoffen, dass die Schönheit der Objekte auch neue Sammler gewinnt und junge Wissenschaftler zum Forschen anregt; wenn das gelänge, wäre ein besonderes Anliegen von Peter erfüllt. Sein Tod ist nicht nur für seine Familie und Freunde, sondern für die gesamte Keramik-Welt ein großer Verlust. Für uns und für mich bedeutet er den Verlust eines großartigen Forschers, eines begeisterten Sammlers und wunderbaren Menschen. Wir wer- den Peter Ducret sehr vermissen und ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Prof. Dr. Martina Baumgärtel Präsidentin
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