IMPRESSIONISMUS & MODERNE 4. DEZEMBER 2026

Das 1889 entstandene Bouquet de fleurs gehört zu jenen bedeutenden Blumen- stillleben, mit denen Fantin-Latour bereits zu Lebzeiten internationale Anerken- nung erlangte. Das prächtige Arrangement vereint eine Vielzahl unterschiedlicher Blumen, darunter üppige Rosen, Stockrosen, zarte Clematis, Jungfern im Grünen und Malven. In der raffinierten Anordnung der Blüten und der präzisen Abstim- mung ihrer Farbnuancen entfaltet sich eine Komposition von Lebendigkeit und Eleganz. Der warme, goldbraune Hintergrund unterstreicht die Leuchtkraft der Blüten und verleiht dem Gemälde eine ruhige, intime Atmosphäre. Die horizontale Tischfläche verankert das Arrangement im Raum, während subtile Licht- und Schattenabstu- fungen den Eindruck von Tiefe erzeugen. Die meisterhafte Lichtführung hebt die Leuchtkraft der Blüten hervor, betont ihre feinen Farbnuancen und verleiht ihren unterschiedlichen Oberflächen Plastizität. Fantin-Latours Blumenstillleben bilden über Jahrzehnte hinweg einen zentralen Bestandteil seines Schaffens. Anders als die niederländischen Stillleben-Maler des 17. Jahrhunderts, die Blüten verschiedener Jahreszeiten zu imaginären Bou- quets zusammenstellten, malt Fantin-Latour, was tatsächlich vor ihm steht. Dabei geht er von der unmittelbaren Anschauung aus: Zunächst bereitet er die Leinwand mit einem neutralen Grund vor und lässt diesen trocknen, bevor er am folgenden Tag die ausgewählten Blumen in seinem Atelier arrangiert. Vor allem die Blumen im Garten des Landguts in Buré in der Normandie, das seine Frau Victoria Dubourg 1880 erbte, bieten Fantin-Latour eine nahezu unerschöpf- liche Vielfalt an Motiven. Dabei variiert er Blütenformen, Farbnuancen und kom- positorische Anordnungen, wie das vorliegende "Bouquet de fleurs" besonders anschaulich zeigt. Fantin-Latour pflegt enge Beziehungen zu zahlreichen Künstlern, die sich in den 1860er-Jahren im Umfeld Édouard Manets versammeln. 1863 nimmt er am Salon des Refusés teil, wo er gemeinsam mit Künstlern wie Édouard Manet, Camille Pissarro und Paul Cézanne ausstellt. Mit seinem berühmten Gruppenbild "Un atelier aux Batignolles" von 1870, das sich heute imMusée d’Orsay in Paris be- findet, setzt er dieser aufstrebenden Künstlergeneration ein eindrucksvolles Denk- mal. Das Gemälde zeigt Manet an der Staffelei, umgeben von Persönlichkeiten wie Monet, Renoir und Zola. Trotz dieser engen Verbindungen bewahrt Fantin-Latour seine künstlerische Un- abhängigkeit. Die Teilnahme an der ersten Impressionisten-Ausstellung von 1874 lehnt er ab und bleibt dem offiziellen Salon verbunden. Während seine impressio- nistischen Zeitgenossen die flüchtigen Eindrücke wechselnder Lichtverhältnis- se unter freiem Himmel einfangen, bevorzugt er für seine Blumen die Stille des Ateliers. Fantin-Latour erhebt die Schönheit der Natur selbst zum eigentlichen Gegen- stand seiner Malerei, ohne ihr eine symbolische Bedeutung verleihen zu müssen. Gerade seine Blumenstillleben finden früh eine begeisterte englische Sammler- schaft. Eine entscheidende Rolle spielen dabei Edwin und Ruth Edwards, die Fantin-Latour über James McNeill Whistler kennengelernt hat und die seine Werke inGrossbritannienvermitteln. Das vorliegendeGemäldesteht unmittelbar indiesem Zusammenhang: Ruth Edwards erwarb es direkt vom Künstler. Später befand es sich unter anderem in der bedeutenden Sammlung von Sir Alfred Beit in Russbo- rough House. 20

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