IMPRESSIONISMUS & MODERNE 4. DEZEMBER 2026
Als Monet 1899 nach beinahe dreissig Jahren nach London zurückkehrt, findet er an der Themse ideale Voraussetzungen für seine künstlerischen Untersuchungen. Der für London cha- rakteristische Nebel, der sich mit dem Rauch der industriellen Grossstadt vermischt, lässt Gebäude und Brücken in immer neu- en Farben und Formen erscheinen. Während seiner weiteren Aufenthalte 1900 und 1901 widmet er sich intensiv den wech- selnden Licht- und Wetterverhältnissen, die das Erscheinungs- bild der Stadt innerhalb kürzester Zeit verwandeln. Von seinem Zimmer im Savoy Hotel aus malt er die Waterloo Bridge (Abb. 1) und die Charing Cross Bridge, während er für seine Ansichten der Houses of Parliament einen Standort im St Thomas’ Hospital auf der gegenüberliegenden Flussseite wählt. Doch nicht immer bedarf Claude Monet der grossen Wahrzei- chen Londons, um die unverwechselbare Atmosphäre der Stadt einzufangen. Abseits seiner berühmten Ansichten der Brücken und des Parlamentsgebäudes entstehen einige wenige Pastel- le, in denen er seinen Blick ganz auf die Boote und die flüchti- gen Erscheinungen auf der Themse richtet. Das vorliegende "Bateaux sur la Tamise" gehört zu einer kleinen Gruppe von le- diglich vier Blättern, deren genauer Entstehungsort bis heute nicht bestimmt werden kann. Gerade diese Loslösung von ei- nem eindeutig erkennbaren Schauplatz verleiht der Darstellung ihren besonderen Reiz. Neben seinen berühmten Gemäldeserien entstehen während der Londoner Aufenthalte insgesamt nur 28 Pastelle. Dass Monet sich dieser Technik zuwendet, ist zunächst einem prak- tischen Umstand zu verdanken: Bei seiner Ankunft in London steht ihm sein gewohntes Malmaterial noch nicht zur Verfügung. Allerdings ist er mit dem Pastell bereits seit seiner Jugend ver- traut. Sein früher Förderer Eugène Boudin, der ihn zur Malerei unter freiem Himmel ermutigt, wendet die Technik selbst an, um wechselnde Naturphänomene unmittelbar festzuhalten. Auch Monet erkennt die besonderen Möglichkeiten des Mediums, das ihm erlaubt, seine Beobachtungen mit wenigen Strichen di- rekt auf das Papier zu übertragen. Er selbst bezeichnet die Blät- ter als eine Art Übungen und hält später fest, dass ihm die rasch ausgeführten Pastelle bei der Arbeit an seinen Gemälden von grossem Nutzen gewesen seien. Ein weiteres Pastell mit vergleichbarer Motivik (Abb. 2), ver- deutlichen Monets Interesse an diesen Ansichten des Flusses. Gemeinsam ist ihnen der weitgehende Verzicht auf markante architektonische Orientierungspunkte, wie sie seine grossen Londoner Gemäldeserien prägen. Stattdessen rücken die Boote in den Mittelpunkt der Darstellung, während sich die Uferpartien im Dunst verlieren und die Grenzen zwischen Wasser, Stadt und Himmel zunehmend verschwimmen. Auch für das vorliegende Blatt lässt sich der genaue Blickpunkt nicht zweifelsfrei bestim- men. Dafür tritt umso deutlicher Monets Interesse an den atmo- sphärischen Veränderungen des Flusses hervor, die er unab- hängig von einer präzisen topografischen Wiedergabe festhält. Wie eigenständig und ausdrucksvoll diese vermeintlich beiläu- figen Pastelle sein können, zeigt sich besonders eindrücklich in "Bateaux sur la Tamise". Die Komposition beschränkt sich auf wenige Bildelemente. Mit feinen Strichen skizziert Monet die Boote auf der Themse, während das gegenüberliegende Ufer im Dunst nur angedeutet bleibt. Intensive Blautöne lassen die Grenzen zwischen Himmel und Fluss nahezu verschwimmen während warme Farbakzente einen Kontrast setzen. Besonders auf der Wasseroberfläche verdichten sich die gelben, orangen und rosaferbenen Pigmente zu kurzen, kräftigeren Strichen, die an die Spiegelungen der letzten Sonnenstrahlen erinnern. Im Unterschied zu den überwiegend kühlen Blau- und Grautönen vieler seiner Londoner Pastelle zeichnet sich das vorliegen- de Blatt durch eine vielfältige Farbigkeit aus. Der stellenweise sichtbare Papiergrund und die frei gesetzten Pastellstriche ma- chen den Arbeitsprozess anschaulich und zeigen, wie souverän Monet die Möglichkeiten des Pastells ausschöpft. Das Werk blieb lange in der Familie des Künstlers und wurde vom Basler Sammler Dr. August Meyer direkt bei Michel Monet erworben. 1977 vermachte Meyer seine gesamte Sammlung dem Basler Kunsthaus. Einen Teil behielt das Museum für die eigene Sammlung, den anderen Teil, darunter das zur Auktion kommende Pastell von Monet, wurde ein paar Jahre später auf der Fischer Auktion 1982 veräussert. Claude Monet, Waterloo Bridge, 1900/01, Pastell auf Papier. Verkauft bei Koller im Juni 2026 für CHF 1 Mio. Claude Monet, La Tamise, 1900/01, Pastell auf Papier, 31,5 x 47,8 cm. (WPI Ref. No. CM5RE0) In Claude Monet: The Revised Catalogue Rai- sonné; The Pastels. Edited and compiled by the Wildenstein Plattner Institute, Inc.
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