IMPRESSIONISMUS & MODERNE 4. DEZEMBER 2026

Als Paul Delvaux im Januar 1950 "Les cerfs-volants" malt, hat er seine charakteristische Bildsprache bereits seit mehreren Jahren etabliert. Seit Mitte der 1930er-Jahre entwickelt der belgische Künstler eine eigenständige Malerei, in der alltägliche Situationen und ver- traute Schauplätze eine ungewöhnliche, oft befremdliche Wirkung entfalten. Seine Ge- mälde zeichnen sich durch eine präzise, figurative Darstellungsweise aus, während die erzählerischen Zusammenhänge häufig offenbleiben. Die weibliche Figur nimmt in sei- nem Schaffen eine zentrale Stellung ein. Im vorliegenden Werk verbindet Delvaux dieses wiederkehrende Motiv mit einer Küstenlandschaft und einer Szene des Drachen-steigen- lassens. Wichtige Impulse für die Entwicklung seiner Malerei erhält Delvaux durch die Begeg- nung mit den Werken Giorgio de Chiricos und René Magrittes, insbesondere anlässlich der Surrealismus-Ausstellung "Minotaure" 1934 in Brüssel. Die menschenleeren Plätze mit den klassischen Architekturen und ungewöhnlichen Perspektiven de Chiricos hinter- lassen einen nachhaltigen Eindruck. Delvaux entwickelt daraus jedoch eine eigenständi- ge Bildwelt, in der weibliche Figuren, Architekturfragmente, Bahnhöfe und Landschaften in unerwarteten Konstellationen zusammentreffen. Obwohl er zu den bedeutendsten Vertretern des belgischen Surrealismus zählt, nimmt er innerhalb der Bewegung eine besondere Stellung ein. Anders als bei den stärker von theoretischen und psychoanalyti- schen Überlegungen geprägten Surrealisten steht bei Delvaux nicht die bewusste Provo- kation im Vordergrund. Dennoch entfalten seine überspitzt konstruierten Kompositionen einen bizarren surrealistischen Charakter. Das vorliegende Gemälde entsteht in Saint-Idesbald an der belgischen Nordseeküste, wo sich Delvaux seit den 1940er-Jahren regelmässig aufhält. Die Küstenlandschaft und insbesondere das Meer nehmen in Delvaux‘ Malerei einen wichtigen Platz ein. Bereits in den 40er-Jahren beschäftigt er sich wiederholt mit maritimen Motiven, darunter seine Darstellungen von Meerjungfrauen. Während diese häufig in fantastische Bildwelten ein- gebunden sind, bildet die Küste in "Les cerfs-volants" den Schauplatz einer auf den ersten Blick alltäglichen Szene. Mit dem Motiv der Drachen-steigen-lassenden Frauen setzt sich Delvaux bereits 1949 auseinander, wie Skizzen und Zeichnungen belegen. Im vorliegenden Werk entwickelt er das Sujet zu einer sorgfältig gegliederten Komposition: Drei Frauen befinden sich auf einer Terrasse am Meer, zwei weitere am Strand im Hintergrund. Alle fünf sind mit dem Drachensteigen beschäftigt. Die klare räumliche Gliederung, die kulissenhafte Architek- tur und die wie auf einer Bühne arrangierten Figuren verleihen der Szene einen beina- he theatralischen Charakter. Trotz der präzisen Wiedergabe der einzelnen Bildelemente bleibt das Geschehen rätselhaft. Obwohl der Bildtitel eine gemeinsame Beschäftigung der Frauen mit den Drachen nahelegt, interagieren die Figuren nicht miteinander. Wie in zahlreichen Werken Delvaux‘ scheinen sie, mit ihren grossen, dunklen Augen und fast re- gungslosen Gesichtszügen, unabhängig voneinander und in sich gekehrt innerhalb der- selben Bildwelt zu existieren. Dieser Eindruck wird durch den Gegensatz zwischen den im Wind bewegten Drachen und der beinahe statuarischen Ruhe der Frauen verstärkt. Die idealisierten Frauenfiguren erinnern in ihrer zurückhaltenden Körperhaltung an die klassische Bildtradition der Renaissance und des Klassizismus, die für Delvaux neben den Einflüssen der modernen Malerei eine wichtige Rolle spielt. Das Gemälde entsteht in einer bedeutenden Phase von Delvaux‘ künstlerischer Lauf- bahn, in der sein Werk nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend internationale Anerken- nung findet. Bereits wenige Monate nach seiner Entstehung wird "Les cerfs-volants" auf der XXV. Biennale von Venedig 1950 präsentiert und damit einem internationalen Publi- kum zugänglich gemacht. Auch in den folgenden Jahren ist das Werk in verschiedenen Ausstellungen vertreten und gehört zeitweise zur Sammlung der National Gallery of Art in Washington. 86

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