POST-WAR & CONTEMPORARY 3. DEZEMBER 2026
3443* HANS HARTUNG (Leipzig 1904–1989 Antibes) T1963-U27. 1963. Vinyl und Grattage auf Leinwand. Auf dem Keilrahmen betitelt, mit Hängeanweisung und Bezeichnung: T 1963-027 HAUT 3732 29-11-63 A-339. Verso mit Stempel: INVENTAIRE H.H. 61 × 38 cm. Gutachten: Fondation Hans Hartung und Anna-Eva Bergman, Antibes (Nr. T1963-U27). Provenienz: - Galerie Sapone, Frankreich. - Privatsammlung Italien. - Galerie Matteo Lempertico, Italien. - Sammlung Frankreich. Die Linie ist für Hans Hartung das zentrale Element und Fundament sei- ner künstlerischen Sprache. Im Zentrum steht dabei die Linie als Spur einer Handlung. Hartung versteht seine Malerei nicht als spontane Im- provisation, sondern als bewusst gesteuerten Prozess, in dem die Linie eine aufgezeichnete Bewegung darstellt. Sie ist das Ergebnis eines phy- sischen Eingriffs und bewahrt so die Energie dieses Moments. Gleichzei- tig besitzt die Linie eine ausgeprägte strukturelle Funktion. Anders als im amerikanischen Abstrakten Expressionismus, wo die Geste oft als unmit- telbarer Ausdruck subjektiver Empfindungen gelesen wird, ist Hartungs Linie in ein kompositorisches Gefüge eingebunden. In den 1960er-Jahren gewinnt die Linie, wie hier in T1963-U27, zusätz- lich eine materialbezogene Dimension. Durch den Einsatz unkonventio- neller Werkzeuge – wie etwa eines Kratzinstrumentes – entstehen durch den Eingriff des Kratzens in das Öl die unterschiedlichen Farbübergänge. Die Linie wird zur Schnittstelle zwischen Oberfläche und Tiefe. Der da- runter liegende gesprayte Farbverlauf von Blau, Weiss und Orange tritt zu Tage und explodiert im Aufleuchten des Komplementärkontrastes auf dem schwarzen Hintergrund. Die Wiederholung, Bündelung und Überla- gerung der Linie erzeugen eine visuelle Dynamik und Raumtiefe, die den Blick durch das Bild lenkt. Sie trägt damit auch eine rhythmische und zeit- liche Qualität, die an natürliche Phänomene wie Wachstum, Wind oder Lichtstrahlung erinnern, ohne diese konkret abzubilden. Hartungs Linien in diesem Gemälde erscheinen spontan und unmittel- bar, sind jedoch Ergebnis eines reflektierten künstlerischen Prozesses. Gerade diese Ambivalenz versetzt den Bildraum in einen geschlossenen, dreidimensionalen Zustand voller Energie und kosmischer Atmosphäre. CHF 40 000/60 000 (€ 43 010/64 520) 52
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