Koller View 4/21

6 4 5 FÜR WEITERE INFORMATIONEN POSTWAR & CONTEMPORARY Silke Stahlschmidt stahlschmidt@kollerauktionen.ch ONLINE-KATALOGE www.kollerauktionen.ch © 2021, ProLitteris, Zurich © 2021, ProLitteris, Zurich Change II› zugrunde (Abb. 2). Es beruht auf der Ver- wendung einfacher, sich wiederholender Formen und auf der Berücksichtigung mathematischer Progressi- on und Proportionsregeln. Demcharakteristisch farbi- gen Gitter, das die Werke dieser Serie vereint, liegt ein minutiös geplantes Messverfahren zugrunde: Martin markiert einen Anfangspunkt auf dem Malgrund, der danach im Uhrzeigersinn gedreht wird. Weitere Linien werden durch die zufällige Ziehung von Zahlenpaaren generiert. Durch die willkürliche Zahlenauswahl ent- stehen Start- und Endkoordinaten jeder Zahlenlinie, wodurch zufällig die Länge und die Ausrichtung jeder Linie bestimmt werden. Auf dieseWeise verschränken sich «Order» und «Change» und zu einem künstleri- schen Unikat. Wichtigste Akteure der Op-Art von Victor Vasare- ly sind die Betrachtenden und ihre Seherfahrungen. Mit seinen vibrierenden Bildfindungen verschiebt der Künstler die Grenzen zwischen zwei- und dreidimen- sionaler Darstellung, irritiert die Wahrnehmung und schafft neue Seherlebnisse. Die 1984 gemalte, bei- nahe quadratische Komposition ‹Karpat› (Abb. 3) ist in Schwarz, Grau und Weiss gehalten und gaukelt Dyna- mik vor, wo keine ist. ImGrunde überschreitet Vasare- ly mit seinen Arbeiten die Trennlinie zwischen Malerei und Bildhauerei. Ähnliches gelingt auch dem Kanadier Jean Paul Rio- pelle, er nutzt jedoch ganz andere Mittel, um in die dritte Dimension vorzustossen. Er selbst verstand seine Gemälde als «Skulpturen in Öl», die er teils mit eigens angefertigten Spachteln komponierte. Das von uns angebotene Gemälde ‹Noyauttage› aus dem Jahr 1957 (Abb. 5) ist ein exzellentes Beispiel aus der Serie der ‹Grossen Mosaiken›. Riopelles Malweise zeigt sich hier kontrolliert und temperamentvoll zu- gleich: Er trägt das pastose Öl mit Spachtel und Mes- ser auf die Leinwand auf und verbindet an manchen Stellen gestrichene oder getröpfelte Farben zu mosa- ikartigen Ordnungen. Die so gewachsenen Strukturen scheinen über den Bildrand hinauszudrängen – was sie mit den Werken von Mark Tobey verbindet, der mit der grossformatigen Papierarbeit ‹Aspects› von 1965 (Abb. 4) in derselben Auktion vertreten ist.

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