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6 August Rodin gehört zu den bedeutendsten Bildhau- ern der europäischen Kunstgeschichte. Er erneuerte die Skulptur seiner Zeit, indem er sich auf antike Vor- bilder und das antike Kunstverständnis bezog und sich an der Natur, ammenschlichen Körper und seiner na- türlichen Bewegung orientierte. Rodins Bronzefiguren «Le Penseur» und «Le Baiser» sind heute eine Art bildkulturelles Gemeingut und ste- hen zeichenhaft für den Aufbruch der Bildhauerei in dieModerne. Dabei sorgte «Le Baiser», die Darstellung eines nackten Liebespaares, bei seiner ersten Aus- stellung in der Pariser Galerie Georges Petit im Jahr 1887 für einen veritablen Skandal. Das zuerst in Terra- kotta ausgeführte Motiv der eng umschlungenen Ver- liebten bezieht sich auf Dante Alighieris literarische Vorlage in der «Göttlichen Komödie», in der der Kuss zwischen Francesca da Rimini und Paolo Malatesta Erwähnung findet. Als verwerflich galt der Umstand, dass die Frau den Bruder ihres Ehemanns küsste (wo- für dieser später beide ermordete und sie in der Hölle landeten). Solcherart Tabubruch diente Rodin als will- kommener Vorwand, die Kussszene in sein «Höllen- tor» zu integrieren, an dem er ab 1880 arbeitete. Das Tor sollte den Eingang des neu zu erbauenden Pari- ser Kunstgewerbemuseums bilden. Später verwarf Rodin diese Idee, weil ihm das Motiv zu harmonisch und zu wenig dramatisch erschien, und behandelte «Le Baiser» als eigenständiges Werk. Die in Penteli- kon-Marmor ausgeführte Skulptur von 1889 ist heute Teil der Sammlung des Musée Rodin. Aufgrund des grossen Erfolges, den Rodin mittler- weile genoss, gelang es dem Künstler, sein Werk einer breiteren Gruppe von Sammlern und Kunstliebhabern als Bronzen zugänglich zu machen und gleichzeitig den womöglich gerade aus der anfänglichen Empö- rung gewachsenen Publikumszuspruch auch in einen finanziellen Erfolg zu verwandeln. So schloss Rodin 1898 einen Zehnjahresvertrag mit der Giesserei Le- blanc-Barbedienne über die Reproduktion seiner Mo- delle «L’Eternal Printemps» und «Le Baiser» und schuf zusammen mit dem namhaften Giesser Bronzen von «Le Baiser» in unterschiedlichen Grössen. Ab 1904 wurde die «deuxième réduction» in der Höhe von 60 Zentimetern in Bronze gegossen. Von dieser Grösse sind zwischen 1904 und 1918 knapp 70 Exem- plare entstanden. Vertraglich war geregelt, dass Rodin ein Fünftel des Verkaufserlöses erhielt. Die Skulpturen wurden jeweils im Innern mit einem Nummerncode in Tinte beschriftet, der für das Datum der Entstehung steht. In den meisten Fällen ist diese Nummer durch die jahrzehntelange Abnutzung nicht mehr ersichtlich, weshalb bei den meisten Bronzen nicht genau nach- vollziehbar ist, wann sie gegossen worden sind. Unser Modell ist eines der sehr seltenen Exemplare, bei dem der Tintencode im Innern noch hervorragend erhalten ist. Die Skulptur ist auf den Tag genau am 8. Juni 1905 entstanden und ist somit einer der frühesten Güsse dieser Grösse. Die ursprüngliche Verkaufsrechnung zu diesem Exemplar befindet sich im Musée Rodin in Paris. Die vorliegende Bronze von «Le Baiser» mit ihrer das Liebespaar umschmeichelnden warmen Patina wur- de zwischen 1905 und 1910 vom Ururgrossvater der heutigen Besitzer in Paris erworben und blieb bis heute, seit mehr als 100 Jahren, im gleichen Familien- besitz. Heute zählt «Le Baiser» zu den wohl berühm- testen Werken Rodins und ist eine der bekanntesten Plastiken überhaupt. 1 Vorschau auf die Auktion Impressionismus & Moderne vom 2. Juli 2021 VomSkandalobjekt zur Ikone 1 P aul Signac (1863–1935). Saint-Malo, trois-mâts jaune. 1931. Aquarell auf Papier. 28 × 75 cm. Schätzung: CHF 80 000/120 000 2 A uguste Rodin (1840–1917). Le Baiser. 2 ème réduc- tion dite aussi «réduction n°4». 1886. Guss vom 8. Juni 1905. Bronze, braune Patina. H 59,8 cm. Schätzung: CHF 350 000/500 000 FÜR WEITERE INFORMATIONEN IMPRESSIONISMUS & MODERNE Jara Koller jara.koller@kollerauktionen.ch ONLINE-KATALOGE www.kollerauktionen.ch
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