KOLLER VIEW 3/24
02 pre view. 8 Honoré Daumiers Verhältnis zum Staat und seinen Dienern in den Gerichten war – gelinde gesagt – zwiespältig. Ein Grund dafür war seine eigene Ver- urteilung zu sechs Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe. Angeklagt war Daumier wegen einer poli- tischen Karikatur des Bürgerkönigs Louis-Philippe, in der er diesen als fettwanstigen Gargantua, einen unersättlichen Fresser und Säufer, dargestellt hatte. In seinem Ölgemälde «L’avocat lisant» (Abb. 4) zeigt uns der Künstler einen Anwalt im Palais de Justice in Paris, dem Schauplatz zahlreicher Advokatendar- stellungen Daumiers. In eine schwarze Robe gehüllt und in Dokumente vertieft, scheint sich der Anwalt mit seinen Akten vertraut zu machen. Das dramati- sche Licht setzt den Anwalt in Szene, im Hintergrund lassen sich die Schatten weiterer Advokaten erah- nen. Daumiers Interesse am Rechtswesen seiner Zeit führte ihn zu öffentlichen Gerichtsverhandlungen ins Palais de Justice, das sich unweit seines Ateliers auf der Île Saint-Louis befand. In seinen Lithografien und Gemälden fing Daumier die Eigenheiten der Prozesse und ihrer Protagonisten treffend ein und kommentier- te sie kritisch. Félix Ziem verstand es meisterhaft, mit kräftigen, frischen Farben die flüchtigen Lichteffekte einzu- fangen und das Flimmern des Sonnenlichts auf dem Wasser gekonnt wiederzugeben. Seine zahlreichen Venedig-Bilder, die ab den 1840er-Jahren entstanden, zeigen die Lagunenstadt als Sehnsuchtsort für Wel- tenbummler und Schwärmer. Spätestens mit seinem Erfolg als Debütant des Pariser Salons 1849 begann seine Karriere als Venedig-Maler. Das farbenpräch- tige Gemälde der September-Auktion zeigt eine An- sicht des Zollhauses Dogana da Mar und der Kirche Santa Maria della Salute, zwei der berühmtesten Ge- Für weitere Informationen Gemälde des 19. Jahrhunderts Karoline Weser weser@kollerauktionen.ch Online-Kataloge www.kollerauktionen.ch Von Kritikern und Schwärmern Vorschau auf die Auktion Gemälde des 19. Jahrhunderts vom20. September 2024 bäude im Stadtbild Venedigs (Abb. 1). Boote und die typische Gondola stehen für das geschäftige Treiben auf den Kanälen und in der Lagune. Ein ebenso ro- mantisches, aber eher verstecktes Venedig zeigt der italienisch-österreichische Maler Eugen von Blaas mit seinem Motiv einer jungen Venezianerin, die von einem Verehrer inbrünstig umworben wird (Abb. 3). Der deutsche Tiermaler Alexander Koester zeigt uns eine ganze Schar von Enten und Erpeln im sonnenbe- schienenen Wasser (Abb. 2). Einige der Tiere schwim- men zielstrebig auf ihre bereits dicht gedrängten Artgenossen am rechten Bildrand zu, andere recken neugierig ihre Hälse in Richtung dieses Mittelpunk- tes – offensichtlich ist die Aufmerksamkeit der Tiere auf Futter gerichtet. Das Gemälde, das sich seit über 70 Jahren in Privatbesitz befindet, besticht durch sein vollendetes Lichtspiel. 1 Félix Ziem (1821–1911). La Douane et la Salute, vues du bassin. Öl auf Leinwand. 60,5 × 81 cm. Schätzung: CHF 20 000/30 000 2 Alexander Koester (1864–1932). Enten in Abendstimmung. Öl auf Leinwand. 54 × 82 cm. Schätzung: CHF 30 000/50 000 3 Eugen von Blaas (1843–1931). «The Offer» – Das Liebesgeständnis. 1887. Öl auf Leinwand. 87,5 × 56,5 cm. Schätzung: CHF 60 000/80 000 4 Honoré Daumier (1808–1879). L’avocat lisant. Um 1868–70. Öl auf Leinwand. 41,5 × 33 cm. Schätzung: CHF 150 000/200 000 1 2 3
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