KOLLER VIEW 4/23

4 Vorschau auf die Auktion PostWar & Contemporary vom 30. November 2023 An den Grenzen derWahrnehmung weissen Vertikallinien vor schwarzem Hintergrund suggeriert Soto zudem visuelle Tiefe. Je nachdem, von wo aus man das Kunstwerk betrachtet, scheinen die Linien und Stäbe zu schwingen, sich zu bewegen oder zu vibrieren. Der Künstler ermuntert sein Publi- kum dazu, die Wechselwirkungen zwischen Formen, Farben und Materialien zu erkunden und die Grenzen der visuellen Wahrnehmung individuell auszuloten. Jannis Kounellis beschäftigte sich zeitlebens mit der Ambivalenz klassischer malerischer Mittel und der mimetischen Wiedergabe der Wirklichkeit. Er ging eigene Wege, verwendete neue Materialien und suchte sich mit unterschiedlichsten Formen auszu- drücken, wie in seinemWerk «Untitled» von 1989, das wir in unserer November-Auktion anbieten (Abb. 3). Der Einsatz von raumgreifenden Installationen und Stoffen wie Erde, Wolle, Kohle, Feuer oder Blei ermög- lichte Kounellis die künstlerische Freiheit, die viele zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler inspiriert. FÜR WEITERE INFORMATIONEN POSTWAR & CONTEMPORARY Clarisse Doge doge@kollerauktionen.ch ONLINE-KATALOGE www.kollerauktionen.ch «Surveillance Camera and Plinth» des Chinesen Ai Weiwei (Abb. 2) thematisiert die Wechselwirkungen zwischen Kontrolle und Sichtbarkeit, es offenbart die Spannung zwischen den Möglichkeiten der Technik der Gegenwart und den kulturellen Werten der Ver- gangenheit. Wie die meisten anderen künstlerischen Arbeiten von Ai Weiwei hat «Surveillance Camera and Plinth» neben der visuellen und philosophischen auch eine politische Dimension. Unsere moderne Welt ist von einem wachsenden Netzwerk der Überwachung durchzogen; nahezu auf Schritt und Tritt sind unse- re persönlichen Freiheiten und unsere Beziehung zur öffentlichen Sphäre von dieser dynamischen Ent- wicklung tangiert. Die zeichenhafte Marmorskulptur ist eine kraftvolle Metapher, die uns dazu auffordert, den Widerspruch zwischen Sicherheit und Freiheit in unserer Zeit zu hinterfragen. «Trois cercles noirs» aus dem Jahr 1996 von Jesús Rafael Soto ist eine fesselnde visuelle Herausfor­ derung (Abb. 1). Mit der Kombination verschiedener Materialien und Farben taucht der Betrachter inter- aktiv in eine Welt optischer Illusionen ein. Schwarze Kreise, Striche und Metallstäbe erwecken den An- schein von Bewegung. Da sie an Drähten lose herab- hängen, scheinen sie zu schweben. Das Gewicht der metallischen Formen bewirkt, dass die Drähte parallel verlaufende Linien bilden, was den Eindruck von Translokation und Dynamik verstärkt. Mit den feinen © 2023, ProLitteris, Zurich 2 1

RkJQdWJsaXNoZXIy MTU2