Sammlung Dr. med. Sylvia Legrain Lot 1801–1932

| 38 Sammlung Frau Dr. med. Sylvia Legrain 1827 BREVIARIUM - Gebetbuch. Deutsche Handschrift auf Pergament. Mit illumi- niertemTitelblatt und 7 mehrzeiligen grossen, mit florealem Schmuck ausgestatteten Initialen, sowie eine Bildminiatur mit dem „Jüngsten Gericht“. Köln, ca. 1420–1430. 13 × 9 cm. [154] Bll. Schriftspiegel 7 × 5 cm. 15 Zeilen Rotunda. Samteinband um 1700 mit 6 ziselierten Eisen-Buckelbeschlägen und 1 -Schliesse, Vorsätze mit Buntpapier ausgestattet (kleine Fehlstellen durch Bereibungen und minimal fleckig). Enthält die „Ghetiden van den Heiligen Geist, den Heiligen Drivol- dichsit, die Seven Psalmen in duytschemet Litanien“, die „Vigilien in duytsche“. Erste Seite in illuminierter Schönschrift „Jhesus Maria“. Vorliegendes imÜbrigen unveröffentlicht gebliebenes ausseror- dentlich qualitätsvolles Gebetsbuch erweist sich als bedeutende Wiederentdeckung der altkölnischen Buchmalerei vor Stefan Lochner. Der Bezug zur Gegend um Köln ergibt sich für dieses Gebetsbuch über den nachfolgend zu diskutierenden Stilbefund hinaus vorerst über die in den Litaneien besonders angerufenen Heiligen (fols. 90ff.) und ein besonderes Verehrungbekunden. Zu erwähnen sind besonders der primär im Bistum Köln verehrte Kölner Stadtheilige Sankt Gereon und andere im nahen Einzugs- gebiet bevorzugten Heiligen wie beispielsweise die in Aachen besonders gepriesenen Heiligen Cornelis und Cyprianus, sowie der vor allem im Raum von Köln bis Maastricht verehrte Lambert. Damit kann davon ausgegangen werden, dass das Gebetsbuch vermutlich für eine Familie in oder um Köln in Auftrag gegeben wurde. Der Umstand, dass ein Gebet zu Ehren der Heiligen Kat- harina von Alexandrien mit einer prunkvollen ornamentalen Initiale (fol. 70) besonders hervorgehoben wurde, mag darauf hindeuten, dass diese Heilige für den Besitzer, resp. Besitzerin des Gebets- buchs eine besondere Bedeutung dargestellt hatte. Tatsächlich könnte die Heilige Katharina von Alexandrien als Namenspatronin der Besitzerin verehrt worden sein. Damit läge es nahe, dass das Gebetsbuch für die private Andacht einer reichen Bürgersfrau, namens Katharina angefertigt wurde. Was den Seitenaufbau des kleinen Manuskriptes, insbesondere dessen Rankenschmuck, aber auch den Stil des einzigen illuminierten Bilderschmucks mit dem Jüngsten Gericht auf fol. 87v angeht, findet unsere These einer kölnischen Provenienz eine eindrückliche Bestätigung. Der reiche floreale Rahmenschmuck mit von bunten sorgfältig gemal- ten Blüten besetztem filigranen Rankenwerk, das sich auf den mit grossen ornamentalen Initialen ausgestatteten Seiten allseits um den Textspiegel erstreckt, erscheint als eine um einige Jahrzehnte ältere Prämisse für die spätere kölnische Buchmalerei, die gegen die Mitte des 15. Jahrhunderts durch die Arbeiten von Stefan Lochner und seinen Zeitgenossen geprägt wurde (vgl. Frank Gün- ter Zehnder (ed.), Stefan Lochner Meister zu Köln, Ausstellungs- katalog, Köln, Wallraf Richartz-Museum, 1993, Köln 1993, S. 109 ff, S. 388–411). Die Seiten aus feinstem Pergament, namentlich das Frontispiz, sind mit viel Gold und Blau gemalt. Die bedeuten- den Seiten, welche die einzelnen Sektionen des Gebetsbuches einleiten, sind mit reich ornamentierten grossen mehrzeiligen Rankeninitialen ausgestattet, die jeweils von üppigem Bordüren- schmuck begleitet werden. Damit sind die wichtigen Textanfänge hervorgehoben. Die Ranken der Bordüren nehmen ihren Ursprung in den Ausläufern der Buchstabenkörper und bilden mit Goldlinien und Blattrispen ein Liniengeflecht, in das phantasievoll Blatt und Blütenformen eingearbeitet sind. Sowohl im gesamten Deko- rationskonzept als auch bezüglich der einzelnen Blütenformen erkennen wir eine Konzeption, die auch von den späteren Kölner Buchmalerwerkstätten um Stefan Lochner weiter entwickelt wurde. Das gilt besonders für einzelne Blütentypen und deren Anordnung, die auch bei Stefan Lochner bevorzugt wiederkehren, so beispielsweise jene mit den bewegten, weit ausgreifenden Kelch- und Blütenblättern und demmarkanten konisch-spitz auslaufenden Fruchtknoten. Unser kleines Manuskript erscheint als späterer Ausläufer des weichen Stils wie er zu Beginn des 15. Jahrhunderts in Italien in der Buchmalerei vor allem von Michelino da Besozzo auf vorbildliche Weise vorgetragen, und auf die Spitze getrieben wurde. Der Figurenstil der einzigen ganzseitigen Bildmi- niatur mit der Darstellung des „Jüngsten Gerichts“ (fol.87v), die in Kurzform der ikonographischen Tradition der Altkölner Malerei seit dem frühen 14. Jahrhundert folgt, nämlich Christus, beidseits von einem Posaunen blasen- den Engeln flankiert und der Erdkugel zu Füssen, auf einem Regenbogen sitzend in Erscheinung treten zu lassen, während unten die Muttergottes und Johannes der Täufer für die vor ihren Augen auferstehenden Seelen in Fürbitte knien, ist noch klar dieser spätgotischen Bildwelt verpflichtet. Das ikonographische Konzept ist in solcher Form bereits auf der gegen 1330–1340 gemalten Altartafel mit 27 Szenen aus dem Leben von Jesu im Wallraf-Richartz Museum in Köln (Inv.6) vorgebildet. Stilistisch schliesst der unbekannte Buchmaler hier an die kölnischen Maler des frühen 15. Jahrhunderts an, beispielsweise an den unbekann- ten sogenannten Älteren Meister der Sippe oder den Meister der heiligen Veronika. Dies gilt besonders auch für den extrem schmalhüftigen, leicht steifen Körperbau des Christus, der von der kölnischen Malerei um 1400, insbesondere von den genann- ten Malern vorgebildet wurde. Damit fügt sich unser Gebets- buch chronologisch zwischen die Werke der genannten Maler (1410–20) und die frühen Manuskripte Stefan Lochners um 1444 (Stundenbuch, Berlin, Kupferstichkabinett, Inv. 78B 1a) und um 1451 (Stundenbuch, Darmstadt, Hessische Landes-und Hoch- schulbibliothek, Inv. Hs 70), was auf eine ungefähre Datierung um ca. 1420–30 schliessen lässt. (Prof. emer. Dr. Gaudenz Freuler, Universität Zürich) Sehr gut erhaltene und lesbare Handschrift. - Von alter Hand durchnummeriert. - Stellenweise Farbdurch- und -abdruck der Bemalungen. Wenige Blatt minimal berieben. Nur gelegentlich Feuchtränder oder kaummerkliche Braunflecken. Insgesamt überaus saubere Handschrift. - Gest. Exlibris. Nachsatz mit hs. Notizen von anderer Hand. Provenienz: - London, Henry White collection, 1902, London, Sotheby‘s, 30. April 1902, Los 1782 - Schweizer Privatbesitz - Koller Auktionen, Auktion 162, 22. September 2012, Los 161. CHF 10 000 / 15 000 (€ 10 420 / 15 630)

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