Sammlung Dr. med. Sylvia Legrain Lot 1801–1932

| 74 Sammlung Frau Dr. med. Sylvia Legrain 1861 HORAE B. M. V. - Stundenbuch. Lateinische Handschrift auf Pergament. Mit 5 gros- sen Miniaturen mit floraler Bordüre, 6 Prachtinitialen mit Bordüre sowie zahlreichen kleinen Initialen. Alles in Gold und Farben. Paris, um 1400. 18,5 × 13,5 cm [130] Bll., 16 Zeilen gotische Textura. Schriftspiegel 12,2 × 17,7 cm. Etwas spät. rest. Ganzleder (des 17. Jhs.) unter Verwendung des alten Bezuges mit reicher floraler Goldprägung auf Rücken und Deckeln, blindgeprägte Stehkanten (Deckel leicht verzogen, leicht berieben und bestossen, etwas fleckig). Schriftduktus, Dekoration, Text, Kalendarium und Stil der Mini- aturen lassen keinen Zweifel an einer Datierung um 1400 und der Lokalisierung in Paris. Den zentralen Anhaltspunkt für diese Verortung liefert das von Heribert Tenschert 2011 angebotene Manuskript (vgl. Tenschert, Katalog 66, Nr. 1), ein Pariser Stun- denbuch um 1390, das wiederum eng mit dem Stundenbuch in Baltimore, Walters Art Museum (Signatur W96) verwandt ist. Eberhard König schreibt diese Handschrift seinerzeit demMeister von Walters W96 zu. Die Buchdekoration, die Miniaturen, der Hintergrund, die Bildstruktur, die Konzeption und der Gewand- und Figurenstil der vorliegenden Handschrift gehen eindeutig auf die Tenschert-Handschrift zurück, sind aber wohl etwas später zu datieren. Aus der Ausstattung des Manuskripts geht hervor, dass eine Unterscheidung der einzelnen ausführenden Hände der Miniaturen notwendig ist und nun wieder auf breiterer Basis diskutiert werden muss. Mit Hilfe dieses neuen Materials kann die Frage nach der Autorschaft des Meisters von Walters W96, dem Eberhard König das Manuskript zugeschrieben hat, neu disku- tiert werden. Unser Manuskript ist etwas später als das Pariser Stundenbuch um 1390 zu datieren, jedoch ist der Buchmaler eng in Beziehung damit zu setzen: wahrscheinlich ist es derselbe Künstler oder ein direkter Schüler. Sicherlich waren zwei oder drei Hände an den Miniaturen dieser Handschrift beteiligt. Während ein Grossteil der Bilder Direktübertragungen des oben genannten Manuskriptes sind, müssen wir für die Darstellung der Totenmes- se auf das Umfeld des Boucicaut-Meisters verweisen (Bouci- caut-Werkstatt, Trauergottesdienst (Vesper), ca. 1415, London, Sammlung Zwemmer; Stundenbuch, fol. 147, ca. 1410, Brüssel, Bibl. königlich, MS. 10767, f. 106v (vgl. Meiss, Boucicaut-Meister, Abb. 138, 139)). Die dreizeiligen Dornenblattinitialen und die davon ausgehenden Bordürenornamente - mit Randverzierungen aus spiralförmigen Weinranken und Efeublättern - verweisen ge- nerell auf die Pariser Buchmalerei um 1400 (vgl. Pariser Stunden- buch, Köln, Slg. Renate König, Ars vivendi, ars moriendi Nr. 3). Wir danken Prof. Dr. Mark Mersiowsky für die Zuschreibung dieses Ma- nuskriptes. - Enthält folgende Miniaturen: Bl. 19r: Verkündigung. - 78r: Kreuzigung. - 84r: Herabsendung des Heiligen Geistes. - 89r: Totenoffizium. - 126r: Auferstehung.- Leicht gebräunt, stellen- weise schwach fleckig (nur wenige Textverwischungen), vereinzelt leichte Bereibungen, und leicht knittrig bzw. gewellt, hinten im Bundsteg angeplatzt (Bindung angelockert). Insgesamt sehr sau- bere und sorfältig ausgeführte Handschrift. - Einige Annotationen von alter Hand, teils auf dazwischen gebundenen Bll. Provenienz: - Europäische Sammlung - Koller Auktionen, Auktion 202, 21. September 2022, Los 502. CHF 20 000 / 30 000 (€ 20 830 / 31 250)

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