Rueckblick 2025

6 Manchmal beginnen die spannendsten Kunstge- schichten nicht in einem Museum oder Auktions- saal, sondern in einem Wohnzimmer, zwischen Antiquitäten, Familienerinnerungen und Bildern, die über Generationen hinweg einfach dazugehör- ten. So war es auch hier. Die Wiederentdeckung und anschliessende Versteigerung des Gemäldes «Saint-Tropez, port en fête» von Paul Signac war ein Höhepunkt unseres Auktionsjahres 2025. Signac, nach Georges Seurat der bedeutendste Vertreter des Pointillismus, malte das Werk 1895 an der Côte d’Azur. Wenige Jahre zuvor hatte er Pa- ris verlassen und war mit seinem Boot gen Süden gesegelt. Das Fischerdorf Saint-Tropez traf ihn wie eine Offenbarung und wurde sein neues Zuhause. Während einer Inventarschätzung wurde Fiona Seidler, der Leiterin unserer Münchner Repräsen- tanz, völlig unerwartet dieses farbenprächtige Ge- mälde präsentiert. Wie sich später herausstellte, galt es seit über einem Jahrhundert als verschol- len. Selbst Fachleute kannten das Motiv bis dahin nur aus einer Skizze des Künstlers. Unsere Recherchen bestätigten die künstlerische Qualität, die kunsthistorische Bedeutung und den materiellen Wert des Werks. Entstanden an der Schwelle zwischen Signacs Frühwerk und seinem reifen Stil, besticht das Bild durch seine Kompo- sition und Farbkraft. Hinzu kommen die perfekte Erhaltung und eine lückenlose Provenienz: Der Grossvater der heutigen Eigentümer hatte das Ge- mälde 1912 in der Pariser Galerie Bernheim-Jeune erworben. Besonders bemerkenswert: Die origi- nale Rechnung von damals wurde zusammen mit dem Bild übergeben – ein seltenes Dokument, das die Familie ebenso sorgfältig bewahrt hatte wie das Kunstwerk selbst. Die Nachricht des Fundes löste auch bei den führenden Signac-Expertinnen grosse Begeiste- rung aus. Marina Ferretti-Bocquillon, Verfasserin des Signac-Werkverzeichnisses, und Charlotte Hellman Cachin, die Urenkelin des Künstlers, wa- ren begeistert von der Wiederentdeckung dieses Schlüsselwerks in Signacs Entwicklung. An der Auktion im Juni 2025 engagierten sich mehrere Privatsammler für das Gemälde. Den Zu- schlag erhielt ein US-amerikanischer Sammler, dem das Hafenbild inklusive Aufgeld knapp 6,2 Millionen Schweizer Franken wert war – ein Er- gebnis, das die besondere Reise dieses lange Zeit verborgenen Bildes würdigt. Wenige Tage nach der Auktion lieferte unsere Logistikabteilung das Gemälde aus – in das Feriendomizil des Käufers an der Côte d’Azur. GLÜCKLICHE WIEDER- ENTDECKUNG

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