GEMÄLDE ALTER MEISTER 20. SEPTEMBER 2024

3006* TADDEO DI BARTOLO (1362 Siena 1422) Heilige Agatha. Tempera und Goldgrund auf Holz. Unten mittig bezeichnet: SCA: AGATA. 42,3 × 20,7 cm. Provenienz: - Kunsthandel Colnaghi, London, vor 1961. - Sestieri, Rom, vor 1968. - F. Taccani, Mailand, 1970–1971. - Deutsche Privatsammlung. - Durch Erbfolge an heutige Besitzer, Schweizer Privatsammlung. Siehe Katalognotiz zu folgendem Los. Wir danken Prof. Gaudenz Freuler für seine wissenschaftliche Un- terstützung bei der Katalogisierung dieses Loses. CHF 20 000/30 000 (€ 21 050/31 580) 3007* TADDEO DI BARTOLO (1362 Siena 1422) Heilige Barbara. Tempera und Goldground auf Holz. Unten mittig bezeichnet: SCA: BARBARA. 44,5 × 20,6 cm. Provenienz: - Kunsthandel Colnaghi, London, vor 1961. - Sestieri, Rom, vor 1968. - F. Taccani, Mailand, 1970–1971. - Deutsche Privatsammlung. - Durch Erbfolge an heutige Besitzer, Schweizer Privatsammlung. Mit einer ausführlichen kunsthistorischen Analyse von Prof. Gau- denz Freuler, Juli 2022. Vorliegendes Tafelbild mit der Halbfigur der Heiligen Barbara in Halbfigur, ihr Haupt ist leicht nach links geneigt und sie sucht mit ihrem Blick die Aufmerksamkeit des Betrachters, dem sie mit dem Zeigegestus auf ihr Attribut, den Turm, ihre Identität als Heilige Bar- bara kundtut. Mit ihrem Namen ist sie denn auch unten in origina- ler Schrift in Gold bezeichnet. Federico Zeri, in dessen Fotosamm- lung das Bild als Werk des sienesischen Malers Taddeo di Bartolo (Fototeca-Nr. 7843) aufgeführt ist, brachte es in einen Zusammen- hang mit drei weiteren Tafeln: einer Heiligen Agatha (Fototeca.-Nr. 7842, Los 3006) mit gleicher Provenienz wie das in Frage stehen- de Bild, einer Heiligen Giulitta an unbekanntem Standort und mit identischem Rahmenwerk (Fototeca-Nr. 7840) und schliesslich der Tafel mit der Heiligen Margherita in der Sammlung des Allen Memorial Museum im Oberlin College in Ohio (Inv.-Nr. 1943.246, Tempera auf Holz, 41,3 × 21 cm, Fototeca-Nr. 7841). Wie bereits von Federico Zeri vorgeschlagen, sind die in Frage stehenden Tafeln Taddeo di Bartolo, dem erfolgreichsten der si- enesischen Maler des späten Trecento und frühen Quattrocento zuzuweisen. Zweifellos waren die Tafeln Teil des obersten Regis- ter eines grossen Altarwerks und bildeten die Giebelspitzen über dessen seitlichen Tafeln. Taddeo di Bartolo gehört zweifellos zu den schillerndsten und eigenständigsten Malern, die die sienesische Kunst hervorge- bracht hatte. Seine Karriere ist gekennzeichnet durch verschie- dene Wendungen. Der um 1362 geborene Taddeo di Bartolo muss in einer führenden sienesischen Malerwerkstatt, womög- lich die des Jacopo di Mino Pelliciaio (um 1315/1319–1396), aus- gebildet worden sein und orientierte sich auch am damals be- deutendsten sienesischen Maler des späteren 14. Jahrhunderts, Bartolo di Fredi (um 1330–1410) sowie an dessen Zeitgenossen Paolo di Giovanni Fei (um 1345–um 1411). Schwierig dürften sich seine künstlerischen Anfänge in den 1380er-Jahren gestaltet ha- ben, da die in Siena und in der näheren Umgebung anfallenden künstlerischen Aufträge zumeist an seinen älteren Mentor Bar- tolo di Fredi gingen, der in diesen Jahren in der Heimat und den umliegenden Zentren ein dichtes, ihm wohl gesinntes Stifternetz geschaffen hatte. Diese Situation führte vermutlich dazu, dass Taddeo di Bartolo gegen 1389 mit seiner Werkstatt in das Gebiet von Pisa und danach nach Ligurien auswich, wo er ähnlich wie Bartolo di Fredi in Siena, ein bedeutendes Stifternetz aufbaute und sich über zahlreiche überragende Freskenzyklen und Altar- werke einen ausserordentlich guten Ruf schuf. Diese Erfahrun- gen fernab der Heimat führten zu Taddeos höchst persönlichen Malstil ausserhalb der sienesischen Orthodoxie. Dieser ist einer- seits angereichert mit emilianischen Komponenten des in Liguri- en arbeitenden Barnaba da Modena (um 1328/1330–nach 1386) und Niccolò da Voltri (vor 1370–nach 1417) und andererseits mit den kosmopolitischen Strömungen der Malerei in Pisa. Zurück in Siena um 1399/1400 avancierte Taddeo di Bartolo zum zent- ralen Protagonisten innerhalb der sienesischen Kunstszene, wo ihm die bedeutendsten Aufträge (Fresken im Palazzo Pubblico in Siena und im Dom von Siena) zufielen, gleich wie er in Montepul- ciano und Umbrien gigantische Altarwerke schuf. Ein solches krönten auch die hier in Frage stehenden zwei Giebel. Bis heute konnten sie keinem der bekannten Altarwerke zugeord- net werden, wobei aufgrund stilkritischer Überlegungen in erster Linie die späten Altarwerke in Frage kämen. In der Tat schliessen sich die beiden Tafeln stilistisch an Taddeo di Bartolos Spätwerk an. Das sanfte gerundete, leicht verträumt blickende Gesicht der Agatha, die weitestgehend ein Modell einer ähnlichen Agatha 12

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