GEMÄLDE ALTER MEISTER 20. SEPTEMBER 2024
Dieses imposante Gemälde bietet eine spannende Interpretation eines Themas, das von Caravaggio und seinen Anhängern sehr geschätzt wurde. Stomer selbst, der neben historischen und mythologischen Themen hauptsächlich religiöse Motive, insbe- sondere Szenen aus dem Leben Christi malte, griff das Thema des Christus in Emmaus um 1633–40 während seines Aufent- halts in Neapel und anschliessend als er sich in Palermo aufhielt, mehrmals auf und erforschte damit systematisch die Möglichkeit unterschiedlicher künstlerischer Lichteffekte. Eine frühe, um 1635–40 entstandene, Version befindet sich heute im Museo di Capodimonte in Neapel (Inv.-Nr. Q197), eine weitere befindet sich im Musée de Grenoble (Inv.-Nr. MG82, siehe Abb. 2). Während die Forschung des 20. Jahrhunderts von einer Entste- hung des hier angebotenen Gemäldes in Rom um 1620–32 oder in Neapel um 1633–39 ausging, geht die jüngere Forschung von einer Entstehung um 1640 in der sizilianischen Schaffensphase Stomers aus (siehe Literatur). In Sizilien zwischen 1640 und 1643 tätig, wurde Stomer so grosszügig gefördert wie nie zuvor und diese Zeit erwies sich als die glorreichste seiner gesamten Lauf- bahn. Typisch für die monumentalen Werke dieser Schaffens- phase ist die sorgfältige Verteilung der Figuren auf der Bildfläche und die Verwendung einer breiten Farbpalette, die durch eine rei- che pastose Hervorhebung der Gesichter und Hände der Haupt- figuren belebt wird. Das Interesse des Malers an der Kunst von Peter Paul Rubens (1577–1640) dürfte in dieser Zeit eine grosse Rolle für Stomer gespielt haben. Tatsächlich scheint der Maler bei der hier angebotenen Version bewusst nach grosser Klarheit und Monumentalität zu streben. In diesem Fall dürfte Willem Swanenburgs (1500–1612) Stich nach Rubens’ Abendmahl in Emmaus von 1611 (Rijksmuseum, Inv.-Nr RP-P-OB-103.683, sie- he Abb. 3) Stomer bekannt gewesen sein. Die Details, die Stomer am meisten in Rubens’ Komposition auffielen, waren der Kopf Christi, die Hintergrundfigur des Dieners, der einen Teller hält, das Motiv des schweren Mantels, der über die Schultern des rechts sitzenden Jüngers hängt und die kunstvolle Frisur des Jüngers auf der anderen Seite des Tisches. Stomer hat diese Elemente sehr geschickt in seinen eigenen naturalistischen Stil übersetzt. Die Utrechter Schule, eine hochkarätige Brutstätte des europäi- schen Caravaggismus, schöpfte ihre Kraft aus Rom, wo Hendrick ter Brugghen (1588–1629), Dirk van Baburen (1595–1624) und Ger- rit van Honthorst (1592–1656) die Kunst des Meisters studierten. Auch Matthias Stomer, der zu den bedeutendsten niederländi- schen Malern zählt, die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Italien tätig waren, reiste nach Rom, um die Kunst Caravaggios zu studieren. Er erhielt seine Ausbildung vermutlich in Utrecht, da der Einfluss der Utrechter Maler Abraham Bloaemart (1564–1651) und Gerrit van Honthorst in seinem Œuvre deutlich wird. Spätestens 1630 reiste er nach Rom, wo er mit rund dreissig Jahren nachweis- bar ist. Ursprünglich nur zur Ausbildung nach Italien gekommen, kehrte Stomer nie wieder in die Niederlande zurück und liess sich schliesslich in Norditalien nieder. Das Abendmahl in Emmaus zeichnet sich durch die Leichtigkeit aus, mit der Matthias Stomer seine Treue zum Naturalismus Cara- vaggios mit seiner Sensibilität für das Brio des grossen Barockstils von Rubens verbindet. Das Gemälde ist ein hervorragendes Bei- spiel dafür, wie der Letzte der grossen Caravaggisten diese Syn- these mit voller Meisterschaft und greifbarem Selbstvertrauen zu erreichen vermochte. Das Gemälde ist im RKD, Den Haag, unter der Nummer 229064 als ein eigenhändiges Werk von Matthias Stomer archiviert. CHF 300 000/500 000 (€ 315 790/526 320) 3020 39
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