SCHWEIZER KUNST AUKTION 29. NOVEMBER 2024
vom gelben Widerschein des Morgenlichts belebt. Das gegenüberliegende Ufer markiert ein dunklerer Streifen der vom Morgennebel verdeckten Bäume und Häuser. Darüber erstreckt sich die vom Künstler durch eine dunkle Linie betonte Gebirgskette, deren Blautöne mit dem inten- siven Gelb des Morgenhimmels kontrastieren. Den Hori- zont markieren von links das Dreieck des Môle, das breite Mont-Blanc-Massiv und rechts der nahe Petit Salève. Zum oberen Bildrand hin verliert sich das Gelb zu lichten Pas- telltönen. Hodler benutzte oft die sogenannte Dürerscheibe, um die Umrisse eines Modells und in einigen Fällen auch einer Landschaft genau zu übertragen. In seinem Balkonzimmer am Quai du Mont-Blanc scheint der Künstler das Fenster selbst als eine Art Dürerscheibe benutzt zu haben, denn Johannes Widmer schreibt: "Zu diesen Bildern legte er an der ganzen Fensterbreite seines Balkonzimmers Diagram- me an, in blauen und roten Öllinien aufgemalt, die die ver- schiedenen Silhouetten von See und Bergen mit Schärfe wiedergaben. Diese Konturen gaben das Gerippe der breit und flüssig gemalten Landschaften ab." (Johannes Wid- mer, Von Hodlers letztem Lebensjahr, Zürich 1919, S. 45). Formwiederholungen, Symmetrien und Parallelen sind Kompositionsmittel und Manifestationen von Hodlers Theorie des Parallelismus". Sie sind laut dem Künstler Aus- druck der Strukturgesetze der Natur, denen die belebte – so auch der Mensch – und die unbelebte Materie gleicher- massen unterworfen sind. Die von Hodler als Naturgesetz betrachtete Tendenz aller Gegenstände zur Horizontalen hin wird ebenfalls mit dem Tod als menschliches Schick- sal verknüpft (man denke etwa an die Werkreihe der ster- benden Valentine Godé-Darel): "Tous les objets ont une tendance a l’horizontale, à s’applanir sur la terre, comme l’eau, en cherchant une base toujours plus étendue. La montagne s’abaisse, s’arrondit par les siecles jusqu’a ce qu’elle soit plane comme la surface de l’eau. L’eau va de Im Herbst 1917 war Ferdinand Hodler wegen einer ver- schleppten Lungenentzündung gezwungen, sein schlecht beheizbares Atelier im Genfer Stadtteil Acacias zu meiden und in seiner Wohnung am Quai du Mont-Blanc zu bleiben. Nicht zuletzt diesen äusseren Umständen verdankt die Kunstgeschichte eine Reihe von eindrücklichen Ansichten des Genfersees mit demMont Blanc, die Hodler von seiner Wohnung aus gemalt hat und die zum eigentlichen künst- lerischen Vermächtnis des Malers geworden sind. Das zur Auktion kommende Werk gehört zu dieser Serie, die 18 Fassungen umfasst und bis zu seinem Tod im Mai 1918 entstand. Anhand des Katalogeintrags der Retrospektive, welche die Galerie Moos in Genf ab dem 11. Mai 1918 zeig- te und die Hodler noch kurz vor seinem Tod besuchte, lässt sich das Gemälde auf März 1918 datieren. Hodler hatte dieWohnung amQuai duMont-BlancNr. 29 im Dezember 1913 bezogen. Das sich von dort dem Auge bie- tende Panorama mit der Bucht von Genf, dem Mont Salève und der fernen Mont-Blanc-Kette hielt der Künstler bereits im folgenden Jahr in einigen Bildern fest. In diesen Motiven wird die markante Horizontale der Häuserzeile am gegen- überliegenden Ufer von der Kuppe des Genfer Hausbergs überfangen; in einigen Fassungen wird der Uferstreifen im Bildvordergrund von einer Reihe rhythmisch gruppierter Schwäne bevölkert. In der letzten Werkreihe, zu der das vorliegende Bild gehört, verzichtete Hodler weitgehend auf anekdotische Details oder Hinweise auf Zivilisation. Die Ansicht ist am frühen Morgen vor dem Sonnenaufgang entstanden, wie noch elf weitere Fassungen. Bei den üb- rigen, am Nachmittag entstandenen Fassungen überwie- gen die kälteren Blautöne. Das auf den komplementären Blau-Gelb-Akkord gestimmte Bildgeviert der vorliegen- den Ansicht ist waagrecht in mehreren Zonen gegliedert, wobei die Horizontale der Gebirgskette die Komposition hälftig teilt. Über dem in Braun und Weiss gehaltenen Uferstreifen werden die hellen Blautöne des Seespiegels Genfersee mit Mont-Blanc am frühen Morgen (März), 1918. © SIK-ISEA, Zürich Genfersee mit Mont-Blanc am Nachmittag. 1918. © Kunstmuseum Luzern Genfersee mit Mont-Blanc am frühen Morgen (November). 1917. © SIK-ISEA, Zürich 32
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