WORKS OF ART & DECORATIVE ARTS AUKTION 18. SEPTEMBER 2025
1070 SPÄTGOTISCHE CHORMANTELSCHLIESSE, SOG. "MARIENHEFTEL" Ungarn, Siebenbürgen/Transsilvanien, um 1500/50. Silber teils vergoldet, gegossen sowie getrieben und mit Filig- ranbändern belegt. Sechspassige, sich nach oben verjüngende, geschweifte Form. Die Aufsicht auf mehreren Ebenen gestaltet in Form von gotischem Gesprenge mit Tierköpfen, gestützt von vier Heiligenfiguren. Auf der darunter liegenden Ebene mittig Maria mit Kind, flankiert von zwei Heiligen. Eingefasst von Filigrankor- deln, applizierter Dekor in Form von Tierdarstellungen, Rosetten und kleinen Kugeln, besetzt mit gefassten Rubinen oder Spinel- len, Perlen sowie einem Smaragd. Die Wandung gegliedert durch applizierte Drachenfiguren, die Zwischenflächen mit getriebenen Dekorelementen in Form von ovalen emaillierten Reserven (bei zwei Segmenten unvollständig, bei drei Segmenten gänzlich feh- lend), besetzt mit Perlen in blütenförmiger Fassung. Die Reserven umgeben von kleinen Schnecken sowie Tierdarstellungen wie Einhörnern, Hirschen, Hunden etc. Dekor sowie Steine unvoll- ständig. Rückseitig wohl mit Spuren von Punzierung. Ø 11,8 cm. Total 280 gr. Rückseitige Nadel fehlt. Applizierte Schraube sowie mit Holzfül- lung. Sowohl kirchliche als auf weltliche Würdenträger nutzen diese Art von Gewandschliessen in Siebenbürgen als Statussymbol. Auf- grund der Ikonografie darf hier ein kirchlicher Ursprung vermutet werden,die Mantelschliesse diente wohl zum Verschluss eines Pluviales. Eine ganz ähnliche, in der Ausführung jedoch etwas einfachere Schliesse, findet sich im Siebenbürgischen Museum in Gundelsheim (Ausstellungskatalog: Die Donauschwaben. Deut- sche Siedlung in Südosteuropa, Sigmaringen 1987, S. 63, Nr. 13.) Diese ist nicht punziert, der Meister daher unbekannt. Als durch- aus vergleichbare Silberarbeit, ebenfalls kirchlichen Ursprungs kann das Reliquiar des Balazs Besztercei aus der Zeit um 1500 angeführt werden, verwahrt im Ungarischen Nationalmuseum (Inv.-Nr. 1879.114.14). Es zeigt beim Reliquienbehälter eine sehr ähnliche Architektur mit Heiligen (Judit H. Kolba, Annamaria T. Néhmet: Kunstschätze des Ungarischen Nationalmuseums. Gold- schmiedearbeiten. Budapest 1973, Nr. 31, S. 47). Solche gotische Mantelschliessen gelten als Frühform bzw. Vor- läufer der sogenannten "Heftl", welche später die Siebenbürgische Festtracht schmückten. Ein schönes Beispiel eines sogenannten Schneckenheftels von Meister Bartholomäus Bartesch Igell wird ebenfalls im Siebenbürgischen Museum verwahrt (Volker Woll- mann: Neuerwerbungen des Museums im Haushaltsjahr 1992, in: Siebenbürgisches Museum Gundelsheim. Nachrichten des Freundeskreises 14, 1993, Heft 1, S. 12). CHF 14 000/24 000 (€ 14 890/25 530) 63
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