SCHWEIZER KUNST 28. NOVEMBER 2025

Die Jahrhundertwende markiert für Giovanni Giacometti eine Zeit tiefgreifender Umbrüche und prägender Erfah- rungen, die entscheidend für die Entwicklung seines Stils, seines Werks und seines Lebens werden sollten. Im Herbst 1897 entwirft Giovanni Segantini die Idee ei- nes monumentalen Alpenpanoramas in Rundform für die Weltausstellung in Paris. Das Projekt begeistert zunächst Hoteldirektoren und Tourismusverantwortliche im Enga- din. Nur wenige Tage nach der Vorstellung bei potenziellen Investoren unternehmen Segantini und der einige Jahre jüngere, von ihm nachhaltig beeindruckte Giacometti eine ausgedehnte Wanderung von Maloja über Zuoz auf den Schafberg und zur Diavolezza. Auf dieser Reise entstehen zahlreiche Skizzen, die später als Studien für das geplante Panorama dienen sollten. Bereits im Frühjahr 1898 scheitert das ambitionierte Vorhaben jedoch an den ausufernden Kosten. Seganti- ni beschliesst, das Konzept zu reduzieren, und schafft mit dem Alpentriptychon eines seiner Hauptwerke. Giacometti greift zur gleichen Zeit auf die während der gemeinsamen Wanderung entstandenen Studien zu- rück, als er von Anna von Planta den Auftrag erhält, für ihr Chalet in St. Moritz-Bad ein vierteiliges Panorama des Engadins zu malen. Es folgen weitere Auftragsarbeiten – unter anderem für das Maloja Palace, für Postkarten und Buchillustrationen –, die Giacometti zunächst aus finanzieller Not annimmt, die ihn aber zugleich in seiner malerischen Entwicklung voranbringen. Ende September 1899 stirbt mit Giovanni Segantini Gia- comettis grosses Vorbild. Nur wenige Monate später ver- liert er auch seinen Vater. Im Auftrag von Segantinis Erben vollendet Giacometti das unvollendete Gemälde "Le due madri" und beschliesst, nach einer Phase der Unsicher- 36

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