SCHWEIZER KUNST 28. NOVEMBER 2025

heit, in seiner Heimat, dem Bergell und dem Engadin zu bleiben. Er setzt Segantinis künstlerisches Vermächtnis – die Malerei der Bergwelt – in eigener, zunehmend selbst- ständiger Weise fort. Davon zeugt bereits das eindrucksvolle Selbstbildnis im Schnee von 1899, das ein neues Selbstvertrauen erken- nen lässt. Nach Segantinis Tod beginnt für Giacometti eine künstlerisch überaus produktive Zeit. Er löst sich allmählich vom strengen Divisionismus seines Lehrers und entwickelt – unter dem Einfluss van Goghs und des Jugendstils – eine eigene, lichtdurchflutete und harmoni- sche Bildsprache. Ein intensiver Austausch mit dem Sammler Oskar Miller, mit Ferdinand Hodler und dem Jugendfreund Cuno Amiet fällt ebenso in diese Jahre wie die Heirat mit Annetta Stam- pa am 4. Oktober 1900 und die Geburt der Kinder Alberto, Diego und Ottilia. Das hier angebotene, wunderbare und vergleichsweise kleinformatige Bergeller Panorama, entstanden um 1902, gehört in diese Schaffensphase. In diesemWerk zeigt sich, wie Giacometti ausgehend von der Darstellung der Berge in seiner unmittelbaren Umgebung und unter dem Nach- hall von Segantinis Divisionismus eine eigene, harmoni- sche Formensprache entwickelt. Schon früh erkennt Giacometti, dass er das Licht der auf- gehenden oder untergehenden Sonne als Träger des Geis- tigen begreifen und darstellen muss, um die Landschaft in reine Malerei zu überführen. Das naturalistische Sujet der Landschaft verwandelt er in ein über die sichtbare Wirk- lichkeit hinausgehendes, transzendentes Kunstwerk. 37

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