IMPRESSIONISMUS & MODERNE 26. JUNI 2026
62 den anderen Werken der Sammlung zunächst verblieb. Trotz der immer stärker werdenden Repressionen gegenüber allen Juden in Deutschland, bat Tekla Hess den damaligen Direk- tor des Zürcher Kunsthauses um Rücksendungen der Werke aus ihrem Besitz nach Deutschland. Nach dem Krieg bekun- dete Tekla Hess an Eides statt, dass die Gestapo sie aufge- fordert hatte, die noch in der Schweiz befindlichen Bilder der Sammlung nach Deutschland zurückzuholen. Im März 1937 wurde ein Transport von 70 Kunstwerken an den Kölnischen Kunstverein getätigt, darunter befand sich auch unser Werk von Erich Heckel. Tekla Hess, die wie ihr Mann jüdischer Abstammung war, sah sich gezwungen, vor dem Nationalsozialistischen Regime zu fliehen und emigrierte 1939 nach England, wo sich ihr Sohn bereits befand. Einen Teil der Sammlung, vor allem Arbeiten auf Papier aber auch einige Gemälde, hatte sie noch vor ih- rer Emigration zu ihrem Sohn nach England senden können. Ein anderer Teil der Sammlung blieb im Kölnischen Kunst- verein zurück. Der Hausmeister des Kunstvereins, Joseph Jenniches, hatte für die Lagerung der Bilder eine grosse Holzkiste gezimmert und diese im Keller des Kunstvereins untergestellt. In dieser Kiste befand sich auch das Porträt von Siddi Heckel. Durch einen Bombenangriff am 29. Juli 1943 brannte der Kölnische Kunstverein bis auf den Keller nieder. Die sich im Keller befindenden Kunstwerke und Gegenstände wurden ei- nen Tag später mit einem Transporter in Sicherheit gebracht. Aufgrund Platzmangels, wie es später hiess, wurde die Kis- te mit den Bildern der Sammlung Hess zurückgelassen und ging dann vergessen. Als sich Tekla Hess nach dem Krieg bemühte, etwas über den Verbleib der eingelagerten Bilder zu erfahren, wurde ihr mitgeteilt, dass die Bilder verbrannt und nicht mehr vorhanden seien. Was genau mit dem Gemälde ”Frau am Tisch“ geschah, konnte bis heute nicht vollständig aufgeklärt werden. Als Jenniches 1945 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehr- te, fand er den teils unter Wasser stehenden Keller vor und darin die aufgebrochene Hess-Kiste. Es ist bekannt, dass Jenniches bereits vor dem Krieg einzelne Werke aus der Kiste entwendet und veräussert hatte, wofür er 1950 auch ange- klagt und verurteilt worden war. Das Porträt von Siddi gelangte danach an den Kunstmaler Peter Herkenrath. Dieser hatte im Gerichtsprozess als Zeuge zugegeben, zwei seiner vier Bilder aus der Hess-Sammlung von Jenniches erworben zu haben, ”Frau am Tisch“ erwähnte er aber nicht. Bekannt ist, dass Herkenrath selber im Kellner des Kölnischen Kunstvereins gewesen war und sich ein Ge- mälde von Heckel aus der Hess-Kiste genommen hatte. Ob es sich dabei um dieses Werk gehandelt hatte, ist aber nicht beweisbar. Das Gemälde hatte ursprünglich die Masse 80 × 70 cm, zeigte einen Tisch und etwas mehr Hintergrund. In dem von Paul Vogt erstellten Werkverzeichnis der Gemälde von Erich Heckel aus dem Jahr 1965 wird Herkenrath als Besitzer des Werks genannt sowie die Tatsache, dass das Werk zu diesem Zeitpunkt aufgrund seines Kriegsschadens unter Mitwirkung von Erich Heckel bereits beschnitten und auch von ihm er- neut signiert worden war. Die heutigen Besitzer haben das Gemälde am 24. Juni 1974 an der Art Basel beim Kunsthänd- ler Detlev Rosenbach erworben, der es seinerseits kurz zuvor bei Lempertz ersteigert hatte. Aufgrund der Rechercheergebnisse zur Provenienz des vor- liegenden Werkes hat die heutige Besitzerfamilie Kontakt mit den Erben nach Alfred Hess aufgenommen und mit diesen eine Vereinbarung im Rahmen einer fairen und gerechten Lö- sung in Anlehnung an die Washington Priniciples geschlos- sen, welche ermöglicht, das Gemälde zu versteigern. CHF 100 000/150 000 (€ 108 700/163 040) Erich Heckel mit seiner Frau Siddi. ©Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Max Kaus, I, B-14a (0037). Frau am Tisch (Siddi Heckel) imOriginalzustand.
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