SCHWEIZER KUNST 26. JUNI 2026
49 3032 ERNEST BIÉLER (Rolle 1863–1948 Lausanne) Mendiant aux cannes. Um 1910. Aquarell über Bleistift auf Papier auf Karton. 49,5 × 35 cm. Provenienz: - Privatbesitz Frau Bellet, Lausanne, 1912 anlässlich der Ausstellung erworben. - Galerie Paul Vallotton, Lausanne, 1981, Nr. 73 206. - Galerie Bruno Meissner, Zürich, 1981. - Schweizer Privatbesitz, in obiger Galerie erworben. Ausstellungen: - Neuchâtel 1910, Exposition Biéler, Galeries Léopold Robert, 10.9.–15.10.1910, Nr. 131. - Winterthur 1910, Ernest Biéler et Albert Zubler, Kunsthalle Winterthur, 20.11.–4.12.1910. - Frankfurt 1911, Kunstverein (verso mit Etikett). - Berlin 1911, Grosse Berliner Kunstausstellung, 29.4.–1.10.1911, Nr. 2478, als „Der Korbflechter“ (verso mit Etikett). - Lausanne 1912, Exposition E. Biéler, Musée Arlaud, 15.9.–20.10.1912, Nr. 27. - Zürich 1981, Ernest Biéler, Galerie Bruno Meissner, 5.11.–5.12.1981 (Abb. auf Einladungskarte). Literatur: Ausst.-Kat. Grosse Berliner Kunstausstellung, Berlin 1911, S. 127, Nr. 2478. Ethel Mathier wird das Werk in das sich in Vorbereitung befindende Werkverzeichnis von Ernest Biéler aufneh- men. Der Künstler entfaltet in diesemWerk einen Realismus von grosser Strenge, geprägt durch eine akribische Genauig- keit sowie eine sorgfältige Wiedergabe der physiognomi- schen Details. Ernest Biéler widmete einen bedeutenden Teil seines Œuvres vom späten 19. bis ins frühe 20. Jahrhundert der Darstellung der Bewohner von Savièse. Dabei entwickelt er eine zugleich ethnografisch geprägte und ästhetisch veredelte Bildauffassung. Das vorliegende Werk steht klar in dieser Tradition, hebt sich jedoch durch die expressive Intensität der dargestellten Figur sowie die besondere Qualität seiner malerischen Ausführung hervor. Das Gemälde „Le mendiant aux cannes“ unterstreicht die Fähigkeit des Künstlers, die reine naturalistische Be- obachtung durch eine streng komponierte Ordnung von Licht, Materie und Raumstruktur zu transzendieren. Biéler verleiht seinen Figuren damit eine doppelte Präsenz, die sowohl im Realen verankert ist als auch als bewusst kons- truierte bildnerische Erscheinung wirkt. Wie im Ausstellungskatalog „L’École de Savièse“ hervor- gehoben wird, steht das Werk in einem breiteren Netz kunsthistorischer Bezüge. So lassen sich Einflüsse der flämischen Malerei des 15. Jahrhunderts erkennen, ins- besondere in der detailgenauen Ausarbeitung und der expressiven Dichte der Figuren. Darüber hinaus sind auch formale Anklänge an die japanische Druckgrafik festzu- stellen, vor allem in der abrupten Staffelung der Bildflä- chen ohne weiche Übergänge. Diese Bildauffassung ver- stärkt die dekorative Struktur der Komposition und betont die Frontalität der Szene. In diesem Werk verbindet Biéler systematisch unter- schiedliche kunsthistorische Referenzen zu einer eigen- ständigen, streng kontrollierten und zugleich höchst indi- viduellen Bildsprache. CHF 150 000/200 000 (€ 163 040/217 390)
RkJQdWJsaXNoZXIy MTU2