SCHWEIZER KUNST 26. JUNI 2026

57 Ausgehend von einer zunächst stark konturbetonten Mal- weise entwickelt Ferdinand Hodler das Kolorit erst in sei- nem Spätwerk zum tragenden Element der Komposition. Am 14. Oktober 1917 – just in jener Zeit, als das hier ange- botene Gemälde entstand – reflektierte der Künstler selbst- kritisch über seine jahrzehntelange Vernachlässigung der Farbe: „Mehr als je begleitet die Farbe nicht nur die Form, sondern die Form lebt, kurvt, durch die Farbe. Und jetzt ist es herrlich. Jetzt habe ich die grossen Räume.“ In diesem eindrucksvollen Spätwerk von 1917, entstanden in der letz- ten Schaffensphase des bedeutendsten Schweizer Künst- lers am Aufbruch der Moderne, findet diese Erkenntnis ih- ren besonders überzeugenden Ausdruck. Nachdem die grossen symbolistischen Figurenbilder und zahlreiche Porträtaufträge der vorangegangenen Jahre Hodler viel Kraft abverlangt hatten und ihn immer wieder zu Kompromissen zwangen, wuchs in ihm der Wunsch, sich künftig ausschliesslich der Landschaftsmalerei zu widmen. Dem Kunstkritiker Johannes Widmer vertraute er im Som- mer 1917 bei einem Spaziergang vom Atelier nach Hause mit Blick auf den See an: „Auch andere Landschaften als bisher werde ich malen, oder doch die bisherigen anders. Sehen Sie, wie da drüben alles in Linien und Raum aufgeht? Ist Ihnen nicht, als ob Sie am Rand der Erde stünden und frei mit dem All verkehrten? Solches werde ich fortan ma- len. […] Ich werde jedenfalls nur noch aus eigenem Antrieb Bilder malen, keine Aufträge mehr. Landschaften wie diese hier, planetarische Landschaften!“ (Johannes Widmer, Von Hodlers letztem Lebensjahr, Zürich 1919, S. 8 f.). Der Begriff der „planetarischen Landschaft“ beschreibt das Wesen die- ser letzten Werke treffend: Sie übersteigen die konkrete to- pographische Erscheinung zugunsten einer sinnbildhaften, universalen Vision der Natur. 1917 mietete Hodler in Caux ein Haus, in dem er sich wäh- rend der Monate August und September aufhielt. Von dort aus bot sich ihm ein Blick auf den Genfersee, der jenem von Abb. 4: Ferdinand Hodler, Sonnenuntergang am Genfersee von Lausanne aus, 1914 © SIK-ISEA, Zürich Abb. 3: Ferdinand Hodler, Genfersee am Abend von Caux aus, 1917 © SIK-ISEA, Zürich Chexbres ähnelt. Bereits zwischen 1895 und 1911 hatte der Künstler in mehreren Werkreihen ein entsprechendes Kompositionsschema entwickelt, das er nun von Caux aus erneut aufgriff. Gegen Ende seines Aufenthalts entstanden zwei Landschaften bei Sonnenuntergang, mit denen Hodler die Tür zur Abstraktion weit aufstiess. Eine weite Fläche warmer Farbtöne legt sich über Himmel, See und Uferzone. Die greifbaren Grenzen der Landschaft beginnen sich aufzulösen; der Bildraum verliert seine be- schreibende Funktion und wird zum Träger einer inneren, nahezu immateriellen Wirklichkeit. Die bewusst reduzierte Farbpalette, belebt durch subtile Schwingungen und fein abgestufte Nuancen, verleiht der Komposition eine stille, eindringliche Intensität. Im Unter- schied zu früheren Werken verzichtet Hodler hier beinahe vollständig auf anekdotische Details und konzentriert seine Bildsprache auf das Wesentliche: Rhythmus, Gleichgewicht und Harmonie. In diesen letzten Jahren hatte Hodler seine Vorstellung der „planetarischen Landschaft“ konsequent verwirklicht. Ihr liegt die Idee einer universellen, in der Natur erfahrba- ren Ordnung zugrunde. Die horizontale Streifenstruktur, die sich in präziser Schichtung über das Bild legt, evoziert eine monumentale Ästhetik, in der Wiederholung zum grundlegenden Prinzip der Harmonie wird. Die Landschaft erscheint nicht länger als konkreter Ort, sondern als kosmi- sche Vision, die in einem Zwischenraum von Realität und Abstraktion oszilliert. Das Werk, das nur ein halbes Jahr vor dem Tod des Künst- lers entstand, besitzt eine zutiefst kontemplative Dimension. Von allem Überflüssigen befreit, richtet sich Hodlers Blick auf das Wesentliche – auf eine Form bildlicher Unendlich- keit.

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