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10 Wasserwelten und Zauberberge Vorschau auf die Auktion Schweizer Kunst vom 2. Juli 2021 Der Name Ferdinand Hodler ist einer breiten Öffent- lichkeit ebenso wie Kunstkennern durch seine gran- diosen See- und Berglandschaften vertraut. Daneben haben ihn Figurenbilder meist symbolischen Inhalts (Abb. 2) und Bildnisse wie das ebenfalls in dieser Auk- tion angebotene bedeutende Porträt von Clara Pa- sche-Battié (Abb. 3) beschäftigt. Sein erster internati- onaler Durchbruch gelang Hodler mit demberühmten Figurengemälde «Die Nacht». Entscheidend nicht nur für Hodlers persönliche Entwicklung, sondern auch für die Entwicklung der hiesigen Kunst, war die Be- gegnung mit seinem ersten wirklichen Lehrer Bart- hélemy Menn in Genf. Menn machte Hodler mit den neuen Entwicklungen der Pleinair-Landschaftsmale- rei der Schule von Barbizon bekannt und vermittelte ihm deren Bestrebungen, die Landschaft als subjek- tive atmosphärische Erfahrung wiederzugeben. Die Landschaft steht also in Hodlers Kunst am Anfang. Und seine Entwicklung zu einem der einflussreichsten und bedeutendsten Maler, den die Schweiz hervor- gebracht hat, endet in den grossartigen Genfersee- Landschaften des Spätwerks. Im vorliegenden Motiv aus der Zeit um 1911 (Abb. 1) zelebriert Hodler die fliessenden Übergänge zwischen der beinahe ent- materialisierten Wasserfläche, dem fernen Küsten- streifen und dem bedeckten Himmel. Das letzte Bild des Künstlers ist eine unvollendete Ansicht des Lac Leman, mit der sich der Kreis schliesst. Dazwischen liegen knapp 50 Jahre und eine immense Entwicklung – nicht nur in Hodlers Werk selbst, son- dern in der modernen Kunst überhaupt. Die Epoche zwischen 1870 und 1920 ist geprägt vom Bruch mit Traditionen und vom Aufbruch zu neuen künstleri- schen Positionen. In der Schweiz ist die Malerei der Alpen seit Caspar Wolf, der im 18. Jahrhundert mit Staffelei und Palette gerüstet auf Gletscher und Gip- fel stieg, ein zentrales, wenn nicht das zentrale Thema überhaupt. Philosophische Ansätze wie Rousseaus «retour à la nature» und der von den Engländern im 19. Jahrhundert befeuerte Tourismus in der Schweiz erwiesen sich als entscheidende Impulse für neue Sichten auf die helvetische Lebenswelt. Den grossen Schweizer Landschaftsmalern von Ale- xandre Calame über Giovanni Segantini bis Ferdinand Hodler ging es aber nicht um eine touristische Per- spektive auf die Alpen. Vielmehr werden Berge und Seen bei ihnen zu dramatisch gesteigerten Orten, in denen die Natur sinnbildlich für Leben und Tod, Wer- den und Vergehen und gleichzeitig als ewige Konstan- te steht. Diese Neuerungen beeinflussen fast sämtli- che Maler der folgenden Generation, von denen Cuno Amiet und Giovanni Giacometti die bedeutendsten sind und denen Dutzende folgen. Ganz eigene Wege zur Landschaft findet Félix Vallotton. Seine Bekannt- schaft mit den Künstlern der Nabis-Gruppe in Paris lässt ihn Landschaften schaffen, in denen er wie im Gemälde «Pommier, Equemauville» (S. 13), rätselhaft intimistische Stimmungen erzeugt. Von hier entwi- ckelt Vallotton seine Kunst weiter hin zu grossange- legten, streng komponierten und ins Metaphorische gesteigerten «paysages composés», die nicht allein der Natur, sondern seiner Einfallskraft entspringen (S. 13). Der ersten Generation der Moderne folgen nach demErsten Weltkrieg Künstler wie Adolf Dietrich oder Niklaus Stoecklin, welche die Entwicklung quasi umkehren und der gesehenen Wirklichkeit mit den Mitteln einer neuen «Naivität» ihre ganze Aufmerk- samkeit schenken. Die Offerte für Schweizer Kunst vom 2. Juli 2021 vereinigt eine im Rahmen einer Auktion selten anzu- treffende Dichte exemplarischer Werke, welche die Entwicklung der Schweizer Malerei von Calame und Diday über Hodler und Vallotton bis zu einer grossen expressiven Nachtlandschaft von Max Gubler reprä- sentieren. 1 2
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