Koller View 2/22
13 Vorschau auf die Auktion Schweizer Kunst vom 1. Juli 2022 Landschaft in Parallelen Der kunstliebende Biberister Papierfabrikant Oscar Miller (1862–1934) gehörte nicht nur zu den bedeu- tendsten Sammlern der Schweizer Moderne, mitunter trat er auch als schreibender Kunstkritiker in Erschei- nung. Das Landschaftsbild von Ferdinand Hodler aus unserer Juliauktion, das einen von jungen Kastanien gesäumten Weg vor der Jurabergkette in der Umge- bung von Solothurn zeigt, gehörte offenbar zu den Lieblingsstücken seiner Kollektion (Abb. 2). Motivisch und farblich steht das in freiem Pinselduktus und kräftigem Kolorit gehaltene Gemälde in Zusammen- hang mit dem rund sechs Jahre früher geschaffenen «Herbstabend» (heute im Musée d’art et d’histoire Neuenburg). Um dem Gemälde eine klare Struktur zu verleihen, nutzt Hodler auch in diesem Werk eines seiner wichtigsten Bildbauprinzipien, den Parallelis- mus. Millers hochkarätige Kunstsammlung umfasste etwa dreihundert Werke; ein grosser Teil davon befin- det sich heute im Kunstmuseum Solothurn. Das erste Gemälde von Ferdinand Hodler erwarb Oscar Miller 1897. Der Ankauf markierte den Beginn einer lang- jährigen Verbindung zwischen Sammler und Künst- ler, von dem der Sammler insgesamt rund zwanzig Gemälde besass. Später bot der Unternehmer seine Hodler-Bilder der Gottfried- Keller-Stiftung zum Kauf an. Nur das vorliegende Werk behielt er für sich. Bis 2012 blieb es in der Familie und wurde nie öffentlich gezeigt. «Fuchs mit Eichelhäher» aus dem Jahr 1926 ist eines der prachtvollsten Tierbildnisse von Adolf Dietrich (Abb. 3). Mit einer Eloge feierte Hein- rich Ammann das vorliegen- de Gemälde bereits 1977 in seiner Monografie über den Künstler: «Die Schönheit seines Felles hat der spitze Pinsel des Malers mit un- erhörter Feinheit und Präzision herausgearbeitet. Die unterschiedliche Länge, Dicke, Weichheit, Fär- bung und Stellung der Haare erscheint genau diffe- renziert und abgestuft. Ihre tastbare Qualität zeigt sich faszinierend: an Kopf und Läufen kurz, straff und anliegend; an Hals und Schultern lang, weich und ge- wellt, die Grannen am Rücken kurz, steif und borstig; die Schwanzhaare lang, buschig locker und seiden- weich. Hintergrund und Waldboden werden von bor- kigen Föhrenstämmen und einem schwarz-weissen Formenspiel der Schneeflecken rhythmisch reizvoll belebt, und der Moosteppich auf dem schwarzen Untergrund in der rechten Ecke hält der linken Sei- te mit dem erbeuteten Eichelhäher auf dem Schnee das Gegengewicht.» Das Gemälde, das zu Dietrichs wichtigsten Arbeiten zählt, entstand auf dem Höhe- punkt seiner Karriere – Mitte der Zwanzigerjahre re- üssierte er dank musealer Einzelausstellungen und einem ersten Buch. Mit seinen eindrücklichen Bildnissen prägte Albert Anker wie kaum ein anderer die Schweizer Kunst des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die ausserord- entliche malerische Qualität der Darstellung des Mädchens mit Katze erinnert gestalterisch an die frühimpressionistischen Strömungen in Paris, wo sich Anker jeweils im Winter aufhielt. Das Gemälde befand sich während der letzten Jahrzehnte in einer umfangreichen Privatsammlung und gelangt nun erstmals wieder auf den Markt (Abb. 1). 2 3 © 2022, ProLitteris, Zurich
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