Koller View 3/22
INTER 10 Frau Stahlschmidt, wie viele Kunstwerke kommen aus dem Bereich PostWar & Contemporary pro Jahr etwa zum Aufruf? Wir haben zweimal im Jahr, jeweils im Juni und De- zember, Auktionen für Kunst der Nachkriegszeit und der Gegenwart. Für unsere klassische Hauptauktion wählen wir jeweils zwischen 100 und 150 Werke aus. Daneben finden zweimal jährlich unsere «ibid online only»-Auktionen statt. Was unterscheidet den Auktionsmarkt für Gegen- wartskunst und Werke der Nachkriegsjahrzehnte vom Geschäft der Galerien mit diesen Werken? Bevor Kunstschaffende in Auktionen, also auf dem Sekundärmarkt, erfolgreich angeboten werden kön- nen, werden sie von Galerien auf dem Primärmarkt etabliert. Das ist der entscheidende Unterschied. Ga- lerien vertreten die Künstlerinnen und Künstler direkt, Expertin Silke Stahlschmidt gibt Einblick in die Koller-Abteilung PostWar & Contemporary «ZeitgenössischeKunst erneuert sichstetig» organisieren Ausstellungen, publizieren die ersten Kataloge, zeigen die Werke auf Messen. Kurz gesagt: Sie bauen eine Sammlerschaft auf und begleiten und fördern die Entwicklung der Künstler. Der Sekundärmarkt hat eher die Funktion eines Ver- mittlers zwischen den Sammlern, die ein Werk ver- äussern möchten, und Interessierten, die ein Werk erwerben möchten. Wir handeln vorwiegend mit Wer- ken von Kunstschaffenden, die auf dem Primärmarkt bereits etabliert und durch Ausstellungen und Messen einem weiteren Kreis bekannt sind. Wer sammelt die Kunst der letzten rund 70 Jahre? Da wären zum einen die Sammler, die mit einem be- stimmten Fokus oder mit einem Konzept eine umfas- sende Sammlung aufbauen. Zum anderen gibt es eine breite Kundschaft, die Kunst liebt oder sich in einzelne Kunstwerke verliebt und immer mal wieder kauft. Und zu guter Letzt gibt es imhochpreisigen Segment auch Käuferinnen und Käufer, die investieren oder auch spekulieren. Letztere machen meiner Erfahrung nach aber nur einen vergleichsweise kleinen Teil aus. Wie steht es um Ankäufe durch Museen und Institu- tionen? Museen und Institutionen beobachten Auktionen und kaufen immer mal. Leider sind die Ankaufetats in den meisten Häusern sehr klein. Dennoch haben in den letz- ten Jahren immer wieder auch Museen Werke bei uns erworben, so sind z.B. wunderbareGemälde vonWilfried Moser undMarcia Hafif in Schweizer Museen gegangen. Die Kunstgeschichte lebt von prägenden Strömun- gen und von bekannten Namen. Was und wer sollte in einer anspruchsvollen Sammlung aus Ihrem Spe- zialgebiet nicht fehlen? Sammeln ist eine sehr persönliche, intuitive Tätigkeit und es gibt unterschiedlichste Schwerpunkte, dieman setzen kann. Sie können sich auf das Motiv oder die Technik fokussieren; sie bleiben bei den sogenannten Blue Chips oder aber sie machen es sich zur Aufgabe, neue und unbekannte Positionen zu entdecken. Für mich macht eine anspruchsvolle Sammlung ein in sich stimmiges Konzept aus wie etwa die Samm- lung Goetz in München, die in Bezug auf die künst- lerischen Positionen breit aufgestellt ist, immer aber unterschiedliche Schaffensphasen begleitet. Oder die Sammlung Stoschek in Düsseldorf, die sich dem Me- dium Video verschrieben hat. Zu einem Konzept ge- hören dann meist Künstlerinnen und Künstler, die in diesemspeziellen Zusammenhang nicht fehlen sollten. Was unterscheidet das Sammeln von Kunst der Nachkriegsjahre und unserer Zeit vom Sammeln der Klassischen Moderne oder von Kunst früherer Jahr- hunderte? Zeitgenössische Kunst ist nicht abgeschlossen, sondern ändert und erneuert sich stetig. Das ist der Alighiero Boetti (1940–1994). Aerei. 1983. Kugelschreiber auf Papier auf Leinwand aufgelegt (Triptychon). 70 × 150 cm ( jeweils 70 × 50 cm). Sold for CHF 366 000 Lucio Fontana (1899–1968). Concetto spaziale. Attese. MonochromWeiss. Idropittura auf Leinwand. 62 x 51 cm. Ergebnis: CHF 1,67 Mio. FÜR EINLIEFERUNGEN UND SCHÄTZUNGEN POSTWAR & CONTEMPORARY Silke Stahlschmidt stahlschmidt@kollerauktionen.ch www.kollerauktionen.ch © Fondazione Lucio Fontana, Milano / 2022, ProLitteris, Zurich © 2022, ProLitteris, Zurich
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