KOLLER VIEW 01/24
21 Wie viele Schweizer Kunstwerke kommen pro Jahr etwa bei Koller zum Aufruf? LK: Wir führen zweimal jährlich klassische Saalauktionen mit ausgewählten Gemälden von Schweizer Künstlerinnen und Künstlern durch. Das sind etwa 120 Bilder pro Auktion. Daneben versteigern wir in unseren ‹ibid online only›-Aukti- onen jährlich nochmals rund 400 weitere Schweizer Arbei- ten in einem etwas tieferen Preissegment. An welches besondere Objekt aus den Auktionen der vergangenenJahreerinnernSie sichnochheutegern? CK: Ich erinnere mich an viele faszinierende Bilder, die wir zu Besuch haben durften. Eines davon ist sehr spe- ziell, es hat uns Glück gebracht und zeigt sehr gut, wie der Auktionsmarkt funktioniert. Es handelte sich dabei um ein wunderbares Gemälde von Albert Anker, das uns 2009 zur Auktion anvertraut wurde (siehe Abb.). Auch sein Erhal- tungszustand war hervorragend. Das war übrigens auch das erste Gemälde, das Laura und ich gemeinsam «er- obert» haben. Das Schicksal wollte es, dass wir dieses Ge- mälde zum damaligen Anker-Rekordpreis verkaufen konn- ten. Und das löste die «Anker-Welle» aus, wie ich die vielen Bilder dieses Künstlers, die in der Folge über uns versteigert wurden, nenne. Dieses hohe Auktionsresultat führte dazu, dass viele schöne Anker-Bilder nicht mehr so fest an den Wänden ihrer langjährigen Besitzer hingen. Und die guten Werke, die so an Auktionen kamen, haben wiederum das Interesse wichtiger Sammler geweckt. Der Höhepunkt bil- dete dann die Versteigerung der ‹Turnstunde› für über 7Mil- lionen Franken. Die guten Ergebnisse für Anker bescherten uns auch viele wichtigeWerke der anderen sehr bekannten Schweizer Maler von Robert Zünd über Ferdinand Hodler und Félix Vallotton bis zu Amiet, den Giacomettis und vielen anderen mehr. Wie steht es um Ankäufe durch Museen und Institu- tionen? LK: Museen sind immer an besonderen Werken interes- siert. Das Gemälde ‹Niesen› von Ferdinand Hodler hat beispielsweise ein bedeutendes europäisches Museum interessiert (siehe Abb.). Ein grosses Gemälde von Alex- andre Calame durften wir in ein bekanntes Museum in der Schweiz verkaufen. Und das Flimser Triptychon von Gio- vanni Giacometti ging für den Rekordpreis von 4 Millionen Franken an eine private Institution, die ihre Sammlung vor ei- nigen Jahren imKunstmuseumSolothurn ausgestellt hatte. Vor etwas mehr als einem Jahr kam Heinz Bütlers Do- kumentarfilm «Albert Anker. Malstunden bei Raffael» in die Kinos. Im Film wird nicht nur der Künstler, son- dern auch der Mensch Albert Anker porträtiert. Wel- che Bedeutung haben biografische Aspekte, Lebens- geschichten für den Kunsthandel? CK: ‹Albert Anker. Malstunden bei Raffael› ist ein sehr fein- fühliger, leiser und schöner Film, den ich jeder und jedem empfehle, auch all jenen, die diesen Künstler für verstaubt und für patriotisch vereinnahmt halten. Wirkliche Kunst- liebhaber beschäftigen sich natürlich – und oft auch sehr intensiv – mit dem Leben und der Geschichte der Künstler hinter den Werken, die sie besitzen. Diese Auseinanderset- zung führt selbstverständlich zu einembesseren Verständ- nis der Arbeiten. Und manchmal auch dazu, weitere Werke von diesem Künstler besitzen zu wollen. Die Diskussion, ob ein Kunstwerk unabhängig von der Vita seines Schöpfers 4 Millionen Franken erzielt hat, hatten wir Interesse aus den USA und aus verschiedenen europäischen Ländern. Unter den Interessenten war auch ein ausländisches Museum. Schliesslich hat aber ein Schweizer das Bild erworben. Auch ein Soutter, Wölfli, Amiet, Olsommer, eine Porges oder ein Krüsi können international Aufsehen erwecken. Ganz zu schweigen von den Zeitgenossen: Cahn, Armleder, Bill, Fleury, Oppenheim, Gertsch oder Giger. Die Zusammenarbeit mit Familienmitgliedern ist et- was Besonderes – wie teilen Sie die Arbeitslast und die Verantwortung zwischen Ihnen auf und wie wird das Vater-Tochter-Team von Ihrer Kundschaft wahr- genommen? CK : Laura hat in den letzten Jahren die Hauptlast der Arbeit in der Abteilung Schweizer Kunst übernommen. Ich helfe nach wie vor mit und kümmere mich um Kunden, die schon viele Jahre lang mit uns arbeiten. Die Kombination aus mei- ner dreissigjährigen Erfahrung und Lauras frischem und motiviertem Blick ist ein grosser Vorteil. Ich glaube, das se- hen auch unsere Kundinnen und Kunden so. Es gibt Men- schen, die sich lieber mit meiner Tochter über einemögliche Einlieferung eines Gemäldes an unsere Auktion unterhal- ten, und es gibt solche, die eher mit dem Alten reden wol- len. Am Schluss besprechen wir aber alles miteinander und tauschen uns aus. Einen Sparringspartner zu haben, dem man in diesem Mass vertrauen kann, wie es in der Familie möglich ist, ist ein grosses Glück. LK : Unser Vater-Tochter-Teamwird tatsächlich sehr positiv wahrgenommen. Die häufige Frage, ob das nicht eine Her- ausforderung sei, beantworte ichmit: Es ist mega lässig und unkompliziert. Das liegt daran, dass mein Vater mir Freihei- ten lässt, mich aktiv in Entscheidungen einbezieht und mir mit seiner Erfahrung trotzdem stets zur Seite steht. Die Zu- sammenarbeit mit ihm bereitet mir einfach auch Freude. Für weitere Informationen Schweizer Kunst Cyril Koller & Laura Koller lkoller@kollerauktionen.ch –––– «Unser Vater-Tochter- Team wird tatsächlich sehr positiv wahrgenommen.» LauraKoller –––– betrachtet werden kann oder darf, ist ja heute brandaktuell. Ich glaube aber, dass sich amEnde die künstlerische Quali- tät durchsetzt. Und so wird wohl auch der Markt reagieren. Im Anker-Film erfährt man viel über den engen Paris- Bezug des Künstlers. Wie steht es um die Wahrneh- mung von Kunst aus der Schweiz im Ausland? CK: Das Hauptinteresse für Schweizer Kunst zeigt sich in erster Linie im Inland. Es gibt aber Ausnahmen. Dazu ge- hören Hodler, Vallotton, natürlich Alberto, aber auch sein Vater Giovanni Giacometti sowie Giovanni Segantini – also mit die wichtigsten Namen der Schweizer Kunstgeschichte bis 1960. DieseKünstler sind auch imAusland von Interesse und werden immer wieder auch von Sammlern ausserhalb der Schweiz beboten. Für Ferdinand Hodlers ‹Niesen›, den wir vor drei Jahren versteigern durften und der schliesslich Félix Vallotton. Verkauft für CHF 920 000 Robert Zünd. Verkauft für CHF 530 000
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