KOLLER VIEW 01/26

pre view. 02 5 Die Venus aus unserer März-Auktion Works of Art entstand im 2. Jahrhundert nach Christus. Wegen der besonderen Körperform trägt der Torso aus Carrara-Marmor die Bezeichnung «Knidischer Typus». Das sanfte S-Profil der Venus geht auf die um 350 vor Christus geschaffene Aphrodite von Knidos zurück. Ihr Schöpfer, der Bildhau­ er Praxiteles, zeigte die Göttin erstmals völlig nackt und setzte damit einen Meilen­ stein in der antiken Kunst. Die Faszination, die von diesem Schlüsselwerk ausging, er­ reichte in der römischen Kaiserzeit, aus der unsere Venus stammt, ihren Höhepunkt. Philosophen wie Cicero, Plinius der Ältere und Lucian priesen ihre ideale Schönheit. Griechische und römische Bildhauer griffen das berühmte Vorbild in allen Grössen und Materialien auf. Mit der Verbreitung dieser Nachbildungen wandelte sich die griechische Aphrodite zur lateinischen Venus, die bald private Räume, öffentliche Gebäude und Tempel schmückte. Bedeutend ist jedoch nicht nur die Bartholoni-Venus selbst, sondern auch ihre Pro­ venienz, die bis ins frühe 20. Jahrhundert zurück nachgewiesen werden kann. Die toskanische Familie Bartholoni liess sich bereits im 17. Jahrhundert in Genf nieder. Die erste Dokumentation der antiken Venus-Skulptur geht auf den namensgebenden Jean-François Bartholoni (1796–1881) zurück. In Paris war er als erfolgreicher Bankier tätig und profilierte sich als Pionier und Förderer des Eisenbahnwesens in Frankreich und der Schweiz. Seine enge Verbundenheit zu Genf und den italienischen Wurzeln seiner Familie belegt der Bau der Villa Bartholoni, die heute das Genfer Musée d’His­ toire des Sciences beherbergt. Bartholonis Sohn Charles liess zwischen 1882 und 1884 das Château Sans-Souci in Versoix errichten. Das Schloss war reich mit Skulpturen, Möbeln, Gemälden, Silber und anderen Kunstwerken ausgestattet. 1926 verkauften Charles’ Nachfahren das Anwesen mitsamt Inventar an Jacques-Arnold Amstutz, der es an die Société Im­ mobilière Sans-Souci weiterveräusserte. 1957 wechselte das Château erneut den Besitzer, als es samt Mobiliar und Kunstwerken versteigert wurde. Die Venus tauchte vier Jahre später in einer Basler Auktion auf. Ob sie direkt oder über Umwege in die Sammlung des niederländischen Antiken-Sammlers Henri E. Smeets (1905–1980) gelangte, bleibt unklar. Zuletzt war die Bartholoni-Venus 2023 in der Ausstellung ‹The Awakened. The Ruins of Antiquity and the Birth of the Italian Renaissance› im Königlichen Schloss zu Warschau zu sehen, neben Leihgaben aus den Uffizien, dem Louvre und dem British Museum. Für weitere Informationen Works of Art & Decorative Arts Stephan Koller skoller@kollerauktionen.ch Online-Kataloge www.kollerauktionen.ch Die Bartholoni-Venus als ideale Schönheit Vorschau auf die Auktion Works of Art vom26. Mä rz 2026 3 Marmortorso der «Bartholoni»-Venus. Römisch, Kaiserzeit, ca. 2. Jh. n. Chr. Knidischer Typus. Carrara-Marmor. H 184 cm (mit Sockel). Schätzung: CHF 500 000/800 000 3

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