KOLLER VIEW 2/24
pre view. 02 9 In seiner eigenen Welt: Louis Soutter Vorschau auf die Auktion Schweizer Kunst vom21. Juni 2024 Im Rückblick erscheint der Lebensweg von Louis Sout- ter als Gratwanderung zwischen Traum und Wirklich- keit, zwischen Genie und Wahnsinn. Bevor sich der 1871 geborene Soutter der bildenden Kunst zuwen- det, streift er zunächst die Architektur, dann die Mu- sik. Sein Brüsseler Geigenlehrer Eugène Ysaÿe bringt ihn schliesslich mit der zeitgenössischen Malerei in Kontakt. In Lausanne, Genf, Brüssel und Paris erhält Soutter eine künstlerische Ausbildung. 1897 zieht er zusammen mit seiner Frau Madge Fursman in die Ver- einigten Staaten, wo er am Colorado Springs College unterrichtet. Nach einem biografischen Bruch 1902/03, dessen Hintergründe im Dunkeln bleiben, kehrt Soutter in die Schweiz zurück. Sein exzentrischer und unsteter Lebensstil veranlasst seine Familie, ihn 1923 in ein Pfle- geheim im jurassischen Ballaigues einzuweisen. Dort nimmt er seine malerische Arbeit wieder auf, doch eine ab 1937 fortschreitende Arthrose und eine zunehmen- de Sehschwäche machen ihm immer mehr zu schaffen. Der Bruch in seinem Leben manifestiert sich auch in 1 Louis Soutter (1871–1942). Allons à l'aventure. 1937–42. Mischtechnik auf Papier. 58 × 44 cm. Schätzung: CHF 150 000/200 000 Für weitere Informationen Schweizer Kunst Laura Koller & Cyril Koller lkoller@kollerauktionen.ch Online-Kataloge www.kollerauktionen.ch 2 Louis Soutter (1871–1942). Lutte avec le Démon. 1938–39. Mischtechnik auf Papier. 57,5 × 44 cm. Schätzung: CHF 200 000/300 000 2 seiner Kunst, die mit dem Frühwerk kaum mehr ver- gleichbar ist. Diametral zu seinem körperlichen Verfall steigert sich Louis Soutter in eine künstlerisch überaus kreative Schaffensphase, die bis zu seinem Tod 1942 andauert. In diesen Jahren trägt er die Farbe mit den Fingern auf, schafft expressive Bildwelten, die von gestikulierenden, dämonisch anmutenden Figuren belebt werden. Oft scheint es, als versuche Soutter mit seinen Figuren aus der Isolation des Heimes auszubrechen. Die Dynamik seiner Darstellungen, die das ganze Format ausfüllen und oft über die Bildränder hinausgehen, steht in star- kem Kontrast und Spannungsverhältnis zu dem immer kleiner werdenden Radius seiner eigenen Bewegungen. Mit den Jahren in Ballaigues wird Soutters Kunst obses- siver, impulsiver, bisweilen auch dekonstruktivistisch. In poetischen Bildtiteln – wie «Die Liebe ist ein Seiden- faden, den man entweder knüpft oder durchtrennt» – liefert er selbst eine Art literarische Metaebene zu sei- nem bildkünstlerischen Schaffen. Soutters Werk wäre wohl unbeachtet geblieben, hätten nicht sein berühm- ter Cousin Le Corbusier, der Schriftsteller Jean Giono oder die Künstler René Auberjonois und Jean Dubuffet für Öffentlichkeit und posthume Anerkennung gesorgt. Soutters Malerei entzieht sich weitgehend einer Ein- ordnung in bestehende Kategorien, vielmehr bewegt er sich in einem eigenen Kosmos kaum entschlüsselbarer Gesten und Zeichen. Die kunsthistorische Forschung hat sich in Ausstellungen und Publikationen dem kom- plexen und von Paradoxien getriebenen Werk Soutters gewidmet, «das zwar aus einem nahezu autistischen Rückzug auf das Persönliche entstanden ist, aber ge- rade dadurch auch höchst empfänglich wurde für die Schwingungen der avantgardistischsten Strömungen des 20. Jahrhunderts» (Michel Thévoz).
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