KOLLER VIEW 4/22

Durch unsere Recherche auch in Archiven, wo wir die Provenienz einer bedeutenden Basler Sammlerfamilie bis ins 19. Jahrhundert belegen konnten, wurde die Eigenhändigkeit bestätigt und somit der Wert des Werkes um ein Vielfaches gesteigert. In welchen Kreisen wird heute Altmeisterkunst ge- sammelt? Erfreulicherweise gibt es mehr undmehr junge Samm- lerinnen und Altmeisterliebhaber. Die Freude an der Alten Kunst findet sich in allen Altersstufen, denn deren künst- lerischer und historischer Hin- tergrund bringt Zeitlosigkeit mit sich und deren ästhetische Bot- schaft begeistert epochenüber- greifend. Aber sicherlich ist der Grossteil der Sammlerinnen und Sammler im etablierten Alter. Haben Sie Beispiele für Muse- en oder andere Institutionen, die Werke bei Koller erworben haben? Immer wieder finden die bei uns verkauften Gemälde Alter Meister und des 19. Jahr- hunderts denWeg in öffentliche Sammlungen, so beispielsweise eine Landschaft von Jacob van Ruisdael (1628‒1682) ins National Muse- um in Oslo oder die büssende Magdalena von Gerrit van Honthorst (1592‒1656) ins Museum für Bildende Kunst in Budapest. Auch in Schweizer Museen sind unsere Verkäufe anzutreffen, so die beiden Gegen- stücke von Philipp Jakob Loutherbourg (1740‒1812), die vom Kunstmuseum Basel angekauft wurden. Wie gestaltet sich die kunsthistorische und die Provenienzforschung in Ihrem Fachgebiet? Welche Quellen nutzen Sie dabei? Wir arbeiten mit einem weltweiten Netz von Spezia- listen und Fachpersonen zusammen und greifen auf Werkverzeichnisse und aktuelle Literatur zurück. Im Bereich der Provenienzforschung konsultieren wir die anerkannten Datenbanken und Suchportale. Mitunter, insbesondere bei jahrhundertealten Wer- ken, geben auch Rahmen und Bildrückseiten Auf- schluss über die Geschichte eines Gemäldes. Was lässt sich für Fachleute dort entdecken? Der Blick auf die Rückseite eines Gemäldes enthüllt viele Geheimnisse über ein Kunstwerk. Neben der Be- stimmung des Bildträgers und seiner Beschaffenheit, lässt sich auch die Vergangenheit eines Gemäldes nä- her entschlüsseln. Dort können sich z.B. Siegelwachs- stempel von Sammlern finden oder Zollmarkierungen Aufschluss über vergangene Reisen eines Kunstwerks liefern. Ausstellungsetiketten enthüllen, wann ein Werk der Öffentlichkeit präsentiert war. Auch finden sich rückseitig Hinweise auf die Bildträgerproduktion, wie beispielsweise Brandmarken der Handwerksgil- den auf Holzpaneelen, Gravuren auf Kupferplatten oder Stempel auf Leinwänden. Rahmen werden häufig ausgewechselt und dem jeweiligen Geschmack einer Epoche angepasst. In den letzten Jahren rückte ein Begriff aus der Kunstgeschichte wieder in den Vordergrund, der lange Zeit keine grosse Rolle gespielt hat: die Wun- derkammer. Wie erleben Sie die Renaissance des universellen Sammelns, bei dem Altes und Gegen- wärtiges, Künstlerisches und Natürliches, Ernstes und Kurioses miteinander in Dialog gesetzt wird? Dies ist sicherlich ein Phänomen, das wir seit der Renaissance kennen und das auch heute noch fas- ziniert. Die Neugier nach Unentdecktem, Kuriosem und Schönem liegt in der Natur des Menschen. Die Gegenüberstellung von unterschiedlichen Kunst- 21 FÜR EINLIEFERUNGEN UND SCHÄTZUNGEN GEMÄLDE ALTER MEISTER Karoline Weser weser@kollerauktionen.ch www.kollerauktionen.ch richtungen und Werken aus verschiedenen Epochen lässt neue Fragestellungen aufkommen, erweitert das Bewusstsein und beeinflusst nicht zuletzt die Wahr- nehmung der Objekte. Welchen Rat können Sie jenen geben, die Alte Kunst sammeln möchten? Sie sollten nie aufhören, das Auge zu schulen und so viel wie möglich Werke im Original studieren, sei dies im Museum, in Ausstellungen oder bei Auktionsvor- besichtigungen. Neben dem künstlerischen Quali- tätsbewusstsein sollte man sich auch ein Verständ- nis für die Erhaltungszustände der Werke aneignen. Besonders bei Auktionen besteht die Möglichkeit, die Werke uneingeschränkt zu betrachten und den Blick auch auf die Rückseite zu werfen, wodurch viel Wis- senswertes zu entdecken ist. Francisco deGoya (1746–1828). Lot und seine Töchter. Öl auf Leinwand. 91 × 125 cm. Ergebnis: CHF 2,65Mio. (September 2012) Giovanni Maria Butteri (1540–1606). Allegorie der Geduld. Öl auf Holz. 145,3 × 71 cm. Ergebnis: CHF 170 000 (September 2022) Guido Reni (1575–1642). Mariä Himmelfahrt. Um1596–97. Öl auf Kupfer. 58 × 44,4 cm. Ergebnis: CHF 1,22 Mio. (März 2013)

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