KOLLER VIEW 4/22
14 Die Darstellung des unbekleideten Menschen reicht in die frühesten Anfänge künstlerischer Äusserun- gen zurück. Kaum ein anderes Genre löst so starke Emotionen aus wie die Aktmalerei. Während der idea- le nackte Körper in früheren Jahrhunderten vor allem den Zeitgeschmack spiegelte, dient er in der Gegen- wart als künstlerisches Medium. Mittelalterliche Male- rei kennt Nacktheit nur als ikonografisches Mittel der Vorschau auf die Auktion Schweizer Kunst vom 2. Dezember 2022 Wahl, um religiöse Themen zu visualisieren. Sie stand sinnbildlich für die Unzulänglichkeit und Sterblichkeit des Menschen. Ästhetik und Sinnlichkeit spielen in der Antike und wieder ab der Renaissance eine zentrale Rolle. Ebenso prägend ist fortan das changierende Spiel zwischen Zeigen und Verbergen, zwischen Kon- vention und Provokation, das im Barock und Roko- ko in eine zuvor ungekannte Freizügigkeit mündete. Das 19. Jahrhundert öffnete das Genre der Aktmalerei für Experimente mit Licht, Farbe und Kontrasten. Gustave Cour- bets «L’Origine du Monde» von 1866 avancierte zum Schlüs- sel- und Skandalbild, weil der Künstler keinen ganzen Körper zeigte, sondern das Publikum zwischen die Schenkel der Dargestellten blicken lässt und es damit unmittelbar mit Se- xualität konfrontiert. Cuno Amiets (1868–1961) sitzender Akt «Die Wahrheit» lebt vom Kontrast der Figur vor dem orangeroten Bildhin- tergrund und vom klaren Blick der Dargestellten (Abb. 3). In der Kontur des Körpers bündeln sich – komplementär zum Hintergrund – ver- schiedene Blau- und Grüntöne, die den Akt unwirklich schimmern lassen. Entstanden war das Bild als Teil ei- ner Serie von Allegorien zur Ausgestaltung der Loggia des neu erbauten Kunsthauses Zürich. Cuno Amiet schuf ein Gemälde, das in seiner vollendeten Form an buddhistische Götterfiguren erinnert und als zeitlose Darstellung der Wahrheit verstanden werden will. Der hüllenlose Körper erscheint hier als Metapher der ale theia , der «nackten», also reinen Wahrheit. Im Werk Ferdinand Hodlers (1853–1918) nehmen die Bildnisse Giulia Leonardis grossen Raum ein, sie zäh- len zu seinen schönsten und sinnlichsten Figurenbil- dern. Im vorliegenden Porträt zeigt Hodler sein Modell im Profil, wodurch das volle schwarze Haar Leonardis betont zur Geltung kommt (Abb. 2). Der nach hinten gewandte Kopf und der schräg ins Bild gesetzte Ober- körper verleihen der Figur Dynamik und extrovertier- ten Charakter. Ganz in sich versunken ist dagegen «Femme nue» von Félix Vallotton (1865–1925), deren Kopf auf einem roten Canapé ruht (Abb. 1). Wie so oft bei Vallotton, ist die Szenerie karg undwirft Fragen auf. Einemögliche Entschlüsselung liegt somit imKopf der Betrachtenden. 1 Félix Vallotton (1865–1925). Femme nue agenouillée devant un canapé rouge. 1915. Öl auf Leinwand. 81,5 × 100,5 cm. Schätzung: CHF 500 000/700 000 2 Ferdinand Hodler (1853–1918). Bildnis Giulia Leonardi. 1910/11. Öl auf Leinwand. 45 × 50,8 cm. Schätzung: CHF 300 000/500 000 3 Detail: Cuno Amiet (1868–1961). Die Wahrheit. 1913. Öl auf Leinwand. 103 × 114 cm. Schätzung: CHF 800 000/1 200 000 FÜR WEITERE INFORMATIONEN SCHWEIZER KUNST Laura Koller lkoller@kollerauktionen.ch ONLINE-KATALOGE www.kollerauktionen.ch 1 2 Der Akt zwischen Realität und Ideal
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