KOLLER VIEW 4/22

6 1 Richard Paul Lohse (1902–1988). Zwei und zwei gleiche Farbgruppen. 1965/69. Öl auf Leinwand. 60 × 60 cm. Schätzung: CHF 40 000/60 000 2 Victor Vasarely (1906–1997). Felhoc. 1972–76. Acryl auf Leinwand. 100 × 100 cm. Schätzung: CHF 60 000/90 000 3 Niki de Saint Phalle (1930–2002). L’Oiseau amoureux. 1990/92. Polyester, bemalt. 155 × 150 × 60 cm. Schätzung: CHF 140 000/180 000 Vorschau auf die Auktion PostWar & Contemporary vom 1. Dezember 2022 Farbenfroher Liebesvogel Die Malerin und Bildhauerin Niki de Saint Phalle (1930– 1980) zählt zu den schillerndsten Künstlerinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihr «L’Oiseau amoureux» von 1990/92 (Abb. 3) zeigt das für de Saint Phalle typische Feuerwerk an Farben, das ihren engen Bezug zur Kunst von Dubuffet und Gaudí offenlegt. Obwohl sie deutlich erkennbar zwei Figuren darstellt – den stehenden Liebesvogel und die sich von vorn an ihn klammernde Frau – bildet die Plastik eine formale Einheit. Die beiden Körper verschmelzen zu einem. «Die offenen Flügel der Vögel lassen mich atmen», konstatierte Niki de Saint Phalle. Der Liebesvogel durchzieht, wie auch ihre starken und selbstbewuss- ten Frauenfiguren, mehrere Jahrzehnte ihres Schaf- fens. Nachdem man ihre knallbunten Nana-Figuren anfangs eher belächelte, machten vor allem die im öffentlichen Raum aufgestellten Werken de Saint Phalle zur Ikone des Feminismus – so der Strawinski-Brunnen neben dem Centre Pompidou in Paris, den sie 1982 zusammen mit ihrem Partner Jean Tinguely gestaltet hatte, oder der seit 1997 imZürcher Hauptbahnhof schwe- bende «L’Ange protecteur». Sinnliche Farbkraft prägt auch die kons- truktivistischen Gemälde (Abb. 1) des Zürcher Künstlers Richard Paul Lohse (1902–1988). Ausgebildet als Werbe- grafiker beginnt er in den 1920er-Jah- ren mit der Malerei, die ihn Mitte der Vierziger zu modularen Bildserien führt. Seine Arbeit war formal geprägt von theoreti- schen Aspekten; er beschäftigte sich mit additiven Reihen, objektiver Rhythmik und Farbmengengleich- heit. Parallel zu seiner freien künstlerischen Arbeit blieb er Grafiker und Buchgestalter, ebenso widme- te er sich Ausstellungsgestaltungen, unter anderem in Zusammenarbeit mit Sigfried Giedion und Alfred Roth. In den 1960er-Jahren, aus denen das von uns angebotene Farbgruppenbild stammt, machten Lohses konstruktivistische Gemälde auf Ausstellun- gen weltweit Furore. Mit nur wenigen Farben kommt Zdeněk Sýkora in sei- nem quadratischen Linienbild von 1978 aus (S. 8). Sei- ne streng konstruierten, reduzierten Werke, die aus dem Dialog zwischen System und Zufall entstanden, prägten die tschechische Nachkriegsmoderne. Vor allem seine Linienbilder erlangten weltweite Aner- kennung. Sýkoras Verehrung der Musik spielte eine wesentliche Rolle in seinem Schaffen, musikalische Kompositionen wirkten unmittelbar auf seine visu- ellen Schöpfungen zurück. Die seinen Linienbildern zugrundeliegenden Zahlenreihen nannte er nicht zufällig «Partituren» und ihm schwebte in den späten Siebzigerjahren vor, seine Linienbilder musikalisch hörbar zu machen. © 2022, ProLitteris, Zurich © 2022, ProLitteris, Zurich 1 2 FÜR WEITERE INFORMATIONEN POSTWAR & CONTEMPORARY Silke Stahlschmidt stahlschmidt@kollerauktionen.ch ONLINE-KATALOGE www.kollerauktionen.ch

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