KOLLER VIEW 4/23

10 Vorschau auf die Auktion Schweizer Kunst vom 1. Dezember 2023 Der Maler, der die Sonne einfing Und auch in späten Jahren – 1930, aus Anlass einer umfassenden Einzelausstellung in der Kunsthalle Basel – konstatierte der Künstler im Vorwort des Katalogs: «Der Kampf um das Licht ist die Treibfeder meiner Arbeit.» Seinen «Apfelbaum» aus dem Jahr 1912 setzt der Künstler nahezu flächendeckend auf die quadrati- sche Leinwand (Abb. 1). Es geht ihm offenbar weniger um ein Landschafts- oder Naturabbild, sondern viel- mehr um das flirrende grün-gelb-rote Farbspiel zwi- schen Blättern, reifen Äpfeln und Bildhintergrund. Die winzige Frauenfigur ist weit entfernt und verleiht dem Sujet Tiefe. Noch weiter, bis an den in die Bildmitte ge- legten Horizont, streckt sich die Alpenlandschaft im Nebelmeer, die Giacometti 1921 malte (Abb. 2). Auch hier dominiert das beinahe magische Licht der Berg- Giovanni Giacometti gilt als Meister des Lichts, Karl Balsiger als leidenschaftlicher Sammler von Giaco- mettis Kunst. Im Briefwechsel der beiden fast gleich- altrigen Wegbegleiter spiegelt sich eine langjährige Freundschaft. Balsiger, der bei Solothurn eine Teig- warenfabrik leitete, kaufte zeitlebens mindestens 28 Giacometti-Gemälde, von denen nun sechs zumAuf- ruf kommen. Diese verblieben seit Balsigers frühem Tod imJahr 1931 in Familienbesitz; das Kunstmuseum Chur beherbergte sie lange Zeit als Leihgaben. «[…] ich bin noch immer ganz davon überzeugt, dass für den Maler alles durch das Licht existiert. Für mich ist die Farbe viel mehr Ausdruck des Lichts als deko- ratives Motiv gewesen.» Dies schrieb Giovanni Giaco- metti im Spätsommer 1917 an seinen Genfer Freund und Malerkollegen Daniel Baud-Bovy (1870–1959). 1 welt die Szenerie. Regelrecht dramatisch zeigt sich das gleisende Gegenlicht der Sonne in «Winter in Maloja», hier steht das Weiss des Schnees in Kontrast zu den sattblauen Schatten der baumlosen Felsen (Abb. 3). In Giacomettis reichem Œuvre dominieren die Land- schaften. Künstlerische Orientierung bot ihm vornehm- lich in jungen Jahren sein vertrauter Freund und Mentor Giovanni Segantini. Zugleich sind die später prägenden Einflüsse unter anderem von Paul Cézanne oder Vin- cent van Gogh und nicht zuletzt die Bezüge zu seinem Schweizer Malerkollegen Ferdinand Hodler unverkenn- bar. Jede Jahreszeit und jede nur denkbare Lichtstim- mung hat Giovanni Giacometti festgehalten. Er hat fort- während danach gesucht, das Sonnenlicht auf seinen Leinwänden einzufangen und das Spiel der Farben, das ihn zeitlebens fasziniert hat, virtuos zu bannen.

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