KOLLER VIEW 4/24
pre view. 02 13 Ferdinand Hodlers Ansichten des Genfersees sind Meilensteine aus den letzten Lebensjahren des Künstlers und zugleich Höhepunkte der Schweizer Kunstge- schichte des frühen 20. Jahrhunderts. Hodlers Spätwerk nach 1914 hebt sich von den bis dahin entstandenen Werken ab. In seiner letzten Schaffensphase gewinnen Farbe und Licht in den Landschaftsbildern zunehmend an Bedeutung. Das Gemäl- de «Genfersee mit Mont-Blanc am frühen Morgen» aus unserer November-Auktion Schweizer Kunst wurde nicht nur vielfach publiziert, sondern war auch Teil zahlrei- cher grosser internationaler Hodler-Ausstellungen, unter anderem in Madrid, Buda- pest, Wien, Berlin und Paris. Die Neue Galerie New York und die Fondation Beyeler in Riehen beleuchteten zuletzt 2012/13 in grossartiger Präsentation das Spätwerk des Künstlers, das viele wesentliche Elemente der Moderne in sich trägt. Der kräftige Farbklang von Blau- und Gelbtönen in horizontalen Schichten dieses im März 1918, wenige Wochen bevor Hodler stirbt, entstandenen Gemäldes lässt das Auge immer wieder zwischen Himmel, Berggipfeln und See hin und her springen. Die unruhig konturierte Silhouette der Savoyer Alpen kündigt mit ihrem Flimmern den bevorstehenden Sonnenaufgang an. «… andere Landschaften als bisher werde ich malen … Sehen Sie, wie da drüben al- les in Linien und Raum aufgeht? Ist Ihnen nicht, als ob Sie am Rand der Erde stünden und frei mit dem All verkehrten? Solches werde ich fortan malen!» Diese berühmt gewordenen und oft zitierten Worte Ferdinand Hodlers sind von einem Sommer- abend 1917, weniger als ein Jahr vor seinem Tod, während eines Spaziergangs am Genfersee überliefert. Er wolle von nun an keine Aufträge mehr annehmen, sondern nur noch «planetarische Landschaften» malen. Wegen einer Lungenentzündung verliess Hodler im Herbst 1917 sein kaltes Atelier und arbeitete in seiner Wohnung am Quai du Mont-Blanc 29 in Genf mit Blick über den Lac Leman zu den auf französischer Seite liegenden Alpengipfeln. Das Spiel des Lichts zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten inspirierte Hodler zu einer vertieften Auseinandersetzung mit dem immer gleichen Motiv. Als letzten grossen Höhepunkt seines Schaffens malte Ferdinand Hodler hier vom Herbst 1917 bis zu seinem Tod am 19. Mai 1918 die legendäre Serie der Ansichten des Genfersees mit demMont-Blanc. Er selbst sagte 1918 über diese Bilderreihe: «… die Form lebt durch die Farbe. Und jetzt ist es herrlich. Jetzt habe ich die grossen Räume.» Der Galerist Max Moos, der das Bild 1918 unmittelbar nach seiner Fertigstellung erstmals in Genf ausgestellt hatte, nahm es 22 Jahre später mit auf die ersten Hod- ler-Einzelausstellungen in Übersee: 1940 in New York und San Francisco. Zuvor wurde es auf Initiative von Jeanne Charles Cerani-Ćišić 1921 in Chicago gezeigt und 1927 zu einer Gruppenausstellung nach New York geschickt. 1957 erwarb der Arlesheimer Chemiker Arthur Stoll das Gemälde. Nach der Auflösung dieser hochkarätigen Kollektion gelangte es Anfang der 1990er-Jahre in eine bedeutende Schweizer Privatsammlung, wo es sich 30 Jahre lang bis heute befand. Das Flimmernam Horizont:Hodlers Spätwerk Vorschau auf die Auktion Schweizer Kunst vom 29. November 2024
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