KOLLER VIEW 4/24

14 2 Idealisierte Nacktheit Vallottons Ruhm um 1910 beruhte vor allem auf seinen Aktdarstellungen, die von der Kunstkritik ambivalent auf- genommen wurden, sich aber bei Sammlern grosser Beliebtheit erfreuten. Seine Darstellungen idealisierter weiblicher Figuren zeichnen sich meist durch stilisierte, manchmal verzerrte Formen und Mimiken aus. Diese Abstraktion, die übertriebenen Proportionen und die schematisierten Konturen verleihen den Figuren eine gewisse Künstlichkeit. Vallotton konzentriert sich auf die Komposition, die Farbe und das Spiel von Licht und Schatten. Die Unnahbarkeit und Strenge der dargestell- ten Frauen erzeugen spannungsvolle Irritationen. Félix Vallotton (1865–1925). Petite baigneuse assise sur le sable. 1911. Öl auf Leinwand. 54 × 65 cm. Schätzung: CHF 100 000/150 000 1 Paysage composé Félix Vallottons Gemälde «Plage au matin, Houlgate» zeigt die berühmten Klippen der Vaches Noires an der normannischen Küste. Das Werk gehört zu Vallottons Serie der «paysages composés», der inszenierten Land- schaften, die ab 1909 einen zentralen Platz in seinem Schaffen einnehmen. Vallottons Kunst löst sich in dieser Phase von der naturgetreuen Darstellung. Aus Skizzen und Erinnerungen, die er vor Ort sammelte, schuf er im Atelier Landschaften mit klaren Formen und geschlos- senen Konturen. Diese verleihen den Bildern eine fast grafische Wirkung und erzeugen eine geheimnisvolle, zeitlose Stimmung. Félix Vallotton (1865–1925). Plage au matin, Houlgate. 1913. Öl auf Leinwand. 73 × 100 cm. Schätzung: CHF 300 000/500 000 3 Vallotton in Pérouse Im September 1913 verbringt Vallotton mit seiner Frau Gabrielle einige Wochen im italienischen Perugia. Wäh- rend dieses Aufenthaltes entstanden insgesamt acht Gemälde, darunter das vorliegende Werk mit der An- sicht der Kirche Santa Maria Nuova. Vallotton lässt sich in dieser Zeit stark von der italienischen Landschaft in- spirieren, die ihm eine neue Farbpalette und eine Viel- zahl von Lichtstimmungen bietet. Das Gemälde «Santa Maria Nuova, Pérouse» ist nicht nur eine Hommage an die Landschaft, sondern auch ein Beispiel für Vallottons künstlerische Entwicklung, in der er die Realität mit sei- nem subjektiven Empfinden durchdringt. Félix Vallotton (1865–1925). Santa Maria Nuova, Pérouse. 1913. Öl auf Leinwand. 65 × 46 cm. Schätzung: 60 000/90 000 1 2 3

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