KOLLER VIEW 4/24
02 pre view. 20 W as ist das Besondere an den Objekten dieser Kol- l ektion? D ie Sammlung umfasst Objekte aus dem gesamten 1 9. Jahrhundert. Besonders interessant werden die O bjekte im Kontext der Sammlung. Diese Epoche w ar geprägt von Umbrüchen und bahnbrechenden p olitischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen W eichenstellungen: Entstehung der Nationalstaaten, D emokratie, republikanische Staatsform, Industrialisie- r ung etc. Diese Entwicklungen wirkten sich auch auf K unst und Kunsthandwerk aus. Nach der Restauration d er Bourbonen-Monarchie in Frankreich 1815 sehnte s ich die Elite nach dem Stil des Ancien Regime. Alte M öbel aus der Zeit Louis XIV., Louis XV. und Louis XVI. w urden wieder geschätzt und gesucht. Hier liegt der U rsprung des Antiquitätensammelns. E s gab aber auch eine Produktion neuer Möbel und Objekte. Ja, diese orientierten sich stark an der Formensprach e und dem Dekor früherer Epochen. Es entstanden Ko - pien berühmter Vorbilder aus dem 18. Jahrhundert. De r Boulle-Halbschrank von Mathieu Béfort im Stil Loui s XIV. ist ein solches Beispiel aus unserer Auktion. Ne - ben solchen Kopien entstanden auch neue Möbel, i n denen sich verschiedene Stilelemente eklektisch ver - mischten. Dies führte zu einem enormen Reichtum a n Formen und Materialien. Welche Faktoren beeinflussten die Gestaltung? Die Bequemlichkeit des Mobiliars wurde zum Them a und blieb nicht ohne Einfluss auf die Formgebung, ins - besondere bei Sitzmöbeln. Auch technische Neuerun - gen und die Industrialisierung beeinflussten die Pro - dukte. Es entstanden die ersten Einrichtungshäuser , die sich auf internationalen Industrie- und Weltausstel - lungen präsentierten und Objekte unterschiedlichste r Stilrichtungen anboten. Welchen Stellenwert haben diese historistische n Möbel in der Kunstgeschichte? Fälschlicherweise wird das 19. Jahrhundert oft mi t schlechter Qualität und Minderwertigkeit in Verbin - dung gebracht. Dass das 19. Jahrhundert auch ein e Luxusproduktion hervorbrachte, beweist diese Samm - lung eindrucksvoll. So finden sich hier auch Neuschöp - fungen, die auf den späteren Jugendstil hindeuten, wi e etwa das Postament von Charles-Guillaume Diehl. Welches ist Ihr Lieblingsmöbel aus der Sammlun g und warum? Meine Lieblingsstücke sind zweifellos die beiden Vitri - 1 Paar exzellente Kaminböcke «aux lions ailés». Louis-XVI-Stil, Paris, um 1860/70. Louis-Auguste- Alfred Beurdeley (1808–1882). 54,5 × 20,5 × 66 cm. Schätzung: CHF 90 000/120 000 nen im Stil Louis XVI. von Henri-Auguste Fourdinois. Es handelt sich um äusserst elegante und raffinierte Mö- belstücke, was das Design und die künstlerische Aus- führung betrifft. Bezüglich Konstruktion und handwerk- licher Ausführung der Intarsien- und Bronzearbeiten gehören sie zum Besten, was zu dieser Zeit produziert wurde. Für weitere Informationen Decorative Arts Stephan Koller skoller@kollerauktionen.ch Online-Kataloge www.kollerauktionen.ch Herr Koller, wie ist die Sammlung entstanden, die Ende November versteigert wird? Durch seinen Vater, der Antiquitätenhändler war, kam der Sammler schon früh mit Antiquitäten und Kunst in Berührung. Einige Objekte stammen noch aus der väterlichen Sammlung. Während seines Studiums in Chicago fiel ihm ein Buch über französische Möbel und Interieurs des 19. Jahrhunderts in die Hände. Das war der Beginn seiner Leidenschaft für dieses Thema, zu dem er auch selbst Bücher veröffentlicht hat. Wie hat der Sammler die Objekte erworben? Er war viel unterwegs, besuchte Messen und Ausstel- lungen und Auktionen. Die meisten Objekte wurden privat oder bei Händlern erworben. Die meisten Samm- ler knüpfen zahlreiche Kontakte zu Verkäuferinnen, Sammlerkollegen, Expertinnen und Restauratoren. –––– «Dass das 19. Jahrhundert auch eine Luxusproduk- tion hervorbrachte, beweist diese Sammlung eindrucksvoll» –––– «Ein eno rmer Reichtuman Formen undMaterialien» Experte Stephan Ko ller berichtet über die Höhepunkte einer aussergewöhnlichen Kollektion von Kuns tobjekten, die imDezember versteigert wird 2 Postament im neogriechischem Stil. Frankreich, um 1870. Charles-Guillaume Diehl (1811–1885) und Jean Brandely (aktiv ca. 1867–1873) zugeschrieben. H 143 cm. Schätzung: CHF 10 000/15 000 1 2
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