Sammlung Dr. med. Sylvia Legrain Lot 1801–1932

| 55 Bei der Person auf demThron könnte es sich um Papst Gergorius IX. handeln, der von Raimund von Pennafort, die von ihm verfass- ten Dekretalen and Gregorius IX überreicht. Raimund studierte in Barcelona Philosophie und in Bologna Rechtswissenschaften. Danach wurde er im Jahr 1195 Professor für Kanonisches Recht. Von Papst Gregor IX. (1227–1241) wurde er um 1230 nach Rom berufen, wo er beauftragt wurde, die päpstlichen Dekretalen, die sich über die Jahrhunderte angesammelt hatten, durchzusehen und zu ordnen. Trifft es zu, dass die Bildminiatur einem aufgebrochenen Manu- skript der Dekretalen Gregorius IX von Raimund von Pennaforts entstammt, hätte die Bildminiatur vermutlich das Prooemium „In nomine domini nostri Gregorius episcopum servus servorum dei...“ ausgeschmückt. Der Stil dieser französischen Miniatur, insbesondere die gute räumliche Artikulierung des Papstthrons und die plastisch wohl durchformten Figuren gleich wie deren fleischigen Gesichter, die eine letztlich im plastischen natura- listischen Kunstwollen Italiens fussende Materialität erkennen lassen, erscheinen als Indiz, dass es sich beim in Frage stehenden unbekannten Buchmaler um einen aus Südfrankreich stammen- den, vermutlich in Avignon tätigen Künstler handelt. Dort trafen sich italienische Künstler mit französischen und katalanischen Malern, gleich wie sich in der Bibliothek des päpstlichen Hofes nebst französischen auch italienische, insbesondere bolognesi- sche und neapolitanische Codices befanden und so den lokalen Illustratoren Anschauungsunterricht über die neue in Italien entwickelte Kunst lieferten. Dekretalen wurden in Avignon zur Zeit des dortigen Papsthofes in grosser Zahl niedergeschrieben und illuminiert (Bilotta, 2018). Der hier in Rede stehende Buchmaler, der französische Komponenten mit einem italienischem Figuren- verständnis erneuert, könnte auf einer ähnlichen, und einer etwas späteren Stilstufe stehen wie der avignonesische Illustrator von Ms lat 5221 oder jener kultiviertere von Valencia Archivio della Ca- tedral MS 119 (Manzari, 2006, S. 162-167), was auf eine Datierung um 1370-80 schliessen liesse. Die hier angebotene, prächtige kleine Bildminiatur bezeugt das kosmopolitische Klima der Kunst am päpstlichen Hof in Avignon, die in Südfrankreich eine hybride Formensprache hervorgebracht hatte, wo italienische Einflüsse sich mit der graphischen Gotik französischer Tradition verbanden. Ein Vergleich unserer Bildminiatur mit Raphaels berühmten, gross angelegten Wandgemälde gleichen Bildthemas an der Südwand der Stanze della Segnatura imVatikan, mag vor Augen führen, wo, und wie weit zurück die ultimativen Bildquellen für den Renaissan- ce Künstler liegen. (Prof. emer. Dr. Gaudenz Freuler, Universität Zürich) Auf Trägerkarton montiert. Leicht gewölbt, stellenweise leichter Farbabrieb (insbesondere bei den Tonsuren und Gesichtern der Mönche), unten zwei kleine Wurmlöcher mit minimalem Bildver- lust. Dennoch farbkräftig und frisch in der Erhaltung. Provenienz: - Schweizer Privatbesitz - Koller Auktionen, Auktion 192, 15. Juni 2020, Los 504. CHF 5 000 / 8 000 (€ 5 210 / 8 330)

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