Koller View 2/22

6 Gerhard Richter ist einer der einflussreichsten leben- den Künstler unserer Zeit. Seine Experimentierfreude, sein ständiges Hinterfragen der künstlerischen Praxis und seine unbändige Neugier machen sein vielschich- tiges Werk einzigartig. Die von uns angebotene Arbeit «Kine»von1995 isteinexemplarischesBeispiel fürRich- ters abstraktes Schaffen in der Zeit um das Jahr 1995 (Abb. 4). ImGrunde nimmt Richter mit seinen Texturen Vorschau auf die Auktion PostWar & Contemporary vom 30. Juni 2022 Abstrakter Farbklang der Neunzigerjahre einen Faden auf, den er – mit an- deren künstlerischen Mitteln – schon vor 1970 mit sei- nen abstrakten Farbfeld-Bildern zu spinnen begonnen hatte. Zarte Rosatöne, aus dem Bilduntergrund durch- schimmerndes Gelb und Orange sowie helle Braun- töne, aber auch durch das Vermischen entstehendes Grün bestimmen die Farbpalette von «Kine». Die Kom- bination der Farben, das dynamische Entstehenlassen neuer Stimmungen durch die vom Künstler eingesetz- te Technik und die durch das gekonnte Wegnehmen und Verwischen der Farben erschaffene Durchlässig- keit führen zu einer abstrakten und zugleich intensiven Komposition. Die Dichte de r Arbeiten aus dieser Werkgruppe entsteht durch die mehrfache Überlagerung von Malschichten, die sich – wie ein komplex gewebtes Textil – beinahe dreidimen- sional aufbauen. Gerade die materielle Vordergründigkeit der Farbe und der kal- kulierte Einbezug des Zufalls verlockt zu Assoziationen. So kann man in der vor- liegenden Abstraktion etwa den Farbklang von Monets Seerosen wiedererkennen. Richard Longs mit Steinen ausgelegte geometri- sche Formen laden zur kontemplativen Reflexion ein (Abb. 1). Dabei hält er seine künstlerische Intervention so minimal wie nur möglich, erreicht aber eine sym- bolische Aufladung der für seine Werke verwendeten Fundstücke. Long teilt uns seine eigene Naturwahr- nehmung über seine künstlerische Arbeit mit, macht sie nacherlebbar und hebt sie durch das Mittel der Transformation ins Zeit- und Ortlose. Der vielzitierte «Circle of Life» erhält durch Richard Long ein archai- sches, mit Metaphern aufgeladenes Abbild. 1 R ichard Long (1945). Small Circle of Flint. 1984. 32 Steine. D 88 cm. Schätzung: CHF 25 000/35 000 2 H erman de Vries (1931). V71-126. 1971. Holz, farbig gefasst. 60 × 60 cm. Schätzung: CHF 25 000/35 000 3 C arl Andre (1935). Belgica Blue Poles. 1988. Kalkstein. 8 Teile. 45 × 75 × 75 cm. Schätzung: CHF 40 000/60 000 4 G erhard Richter (1932). Kine. 1995. Öl auf Leinwand. 124 × 90 cm. Schätzung: CHF 3 000 000/5 000 000 FÜR WEITERE INFORMATIONEN POSTWAR & CONTEMPORARY Silke Stahlschmidt stahlschmidt@kollerauktionen.ch ONLINE-KATALOGE www.kollerauktionen.ch 1 2 © 2022, ProLitteris, Zurich 3 © 2022, ProLitteris, Zurich

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